Die Kunst, mit Worten Appetit zu machen: Interview mit Autorin Simone Harland

Manchmal ist schon alles fertig: das Gericht gekocht und fotografiert, das Rezept geschrieben, die Fotos ausgewählt, bearbeitet und eingefügt. Und dann sitze ich da und nage am Stift, weil mir die richtigen Worte nicht einfallen wollen. Die Worte, die meinen Leserinnen und Lesern das Wasser im Mund zusammenlaufen lassen, weil ihnen der Essensduft förmlich in die Nase steigt. Denn das wünscht man sich doch als Foodbloggerin!

Porträt Simone Harland

Simone Harland. Foto: Sabine Echzell

Zum Glück ist Schreiben nicht allein eine Frage der Inspiration, sondern vor allem eine Frage des Handwerks; sprich: Man kann es lernen. Und über das Handwerk (oder die Kunst), wie man bei anderen das Kopfkino anwirft, hat gerade meine Kollegin Simone Harland ein inspiriertes und vor allem sehr inspirierendes Buch geschrieben: Show, don’t tell. Schreiben fürs Kopfkino. Simone weiß, wovon sie spricht, denn sie hat als Autorin, Redakteurin und Schreibcoach jahrelange Erfahrung darin, mit Worten Welten zu erschaffen, Geschichten zu erzählen und Menschen zu fesseln. Nicht zuletzt schreibt sie selbst auf ihrem Blog Geboren in den Sechzigern  Texte, die mich immer wieder berühren und regelmäßig zum Weinen oder Lachen bringen.

Show, don’t tell habe ich letzte Woche in einem Rutsch durchgelesen. Und dann habe ich Simone gefragt, ob sie bereit wäre, mir ein paar Fragen dazu zu beantworten, wie man das denn nun wirklich am besten macht: so übers Essen schreiben, dass das Publikum … nun ja: anbeißt. Sie wollte nicht nur, sondern hat mir ihre Antworten sogar schneller geschickt, als ich „Piep, piep, piep, wir haben uns alle lieb, guten Appetit!“ sagen konnte. Hier kommt das Interview über Begriffsverbote, genüssliches Wörtersammeln und die Gefühle, die Essen auslöst.

Das Wort „lecker“ ist ja in Foodie-Kreisen ziemlich verpönt – mit dem Erfolg, dass es oft durch „yummy“, „köstlich“ oder „schmeckt toll“ ersetzt wird. Bringt’s das?

Ich bin ja keine Foodbloggerin und war daher sehr erstaunt, als du mir sagtest, dass „lecker“ verpönt ist. Und ich verstehe auch nicht, warum. Denn, hey: Wer sagt denn nach einem leckeren (← ich hab’s getan und das „böse“ Wort benutzt) Essen „yummy“? Einer meiner Söhne hat früher zwar häufiger „Das war deliziös“ gesagt, aber nur, weil er sich das bei Asterix und Obelix abgeguckt hatte. Ich finde es besser, lecker zu sagen, wenn etwas lecker ist, als sich komplizierte Konstruktionen auszudenken, nur um ein Wort zu ersetzen, das genau das ausdrückt, was man sagen will.

Aber warum muss man überhaupt schreiben, dass etwas „lecker“ ist? Eigentlich sollte sich das doch aus dem Rezept, dem Foto und der Beschreibung, was das Gericht besonders macht, ergeben, oder? Das Urteil, wie etwas schmeckt, kann man doch denjenigen überlassen, die es nachkochen. Denn was einem selbst schmeckt, schmeckt ja längst nicht allen.

 

Eigentlich wollen wir Foodblogger_innen am liebsten so schreiben, dass unsere Fans schnurstracks in die Küche laufen, um die vorgestellten Rezepte nachzukochen. Wie muss ein Text über ein Gericht oder Rezept sein, damit das klappt?

Ich glaube, dass es da kein Patentrezept gibt, also kein „So muss der Text sein“. Was jedoch immer gut ist: die Gefühle der Leserinnen und Leser mit dem Text anzusprechen, ihnen zum Beispiel das Gefühl zu geben „Wenn ich das nachkoche, hole ich mir einen Hauch von Urlaub nach Hause, fühle ich mich wie in Ommas Küche, werde ich durch das Gericht getröstet, gewärmt“ oder was auch immer. Und um das zu erreichen, ist es sinnvoll, die Sinne der Leserinnen und Leser anzusprechen. Übrigens nicht nur den Geschmackssinn, sondern auch die anderen Sinne. Das gelingt am besten, indem man das Rezept in eine Geschichte einbindet.

Doch der Anspruch, dass die Fans gleich in die Küche rennen, ist schon ein sehr hoher. Als Bloggerin oder Blogger freue ich mich doch vor allem, wenn die Leserinnen und Leser meinen Text so gut finden, dass sie ihn a) bis zum Ende lesen und b) meine Seite wieder besuchen (wollen). Auch dafür sind Geschichten gut. Das beste Beispiel dafür sind – und das ist bestimmt nicht nur meine Meinung – deine Blogbeiträge. Du erzählst, dass dein Pürierstab, den du doch so dringend für die Zubereitung eines Aufstrich brauchtest, röchelnd das Zeitliche gesegnet hat, du berichtest darüber, dass dir das Rezept für Salzzitronen eigentlich zu popelig war, um es zu posten, du schilderst deine kulinarischen Ausflüge in Marseille – all diese kleinen Geschichten lese ich unglaublich gerne.

Hinzu kommt: Du erzählst nicht nur eine Geschichte, sondern sprichst dabei auch sehr oft die Sinne deiner Leserinnen und Leser an. Ein Beispiel aus deinem Blogbeitrag „Marseille für Foodies 2“:

Hier sind knallbunte, duftende Gewürze zu kleinen Hügeln aufgehäuft, dort werden neben Oliven auch marokkanische Salzzitronen offen angeboten. Neben dem Fischgeschäft macht der Halal-Metzger gute Geschäfte, und auf einem Klapptisch häufen sich Minze und Koriander zu grünen Gebirgen. Und wer vom Shoppen erschöpft ist, findet bei einem der orientalischen Konditoren sicher eine zuckrige Kleinigkeit, um weiterzustöbern.

Du beschreibst hier ganz genau, was du siehst und riechst. Auf diese Weise entsteht beim Lesen sofort ein Bild im Kopf. Leserinnen und Leser können sich die Straßenszene in Marseille sofort vorstellen. Deine Geschichte wird dadurch bunt und interessant. Es macht Spaß, sie zu lesen. Es ist übrigens auch gut, dass du dich bei deiner Beschreibung auf wichtige Details beschränkst, denn bei einer zu ausschweifenden Beschreibung könnte das Ganze leicht zu langweilig werden.

Was ich persönlich bei Foodblogs übrigens auch richtig gut finde: Wenn nicht nur die leckeren (← ha, da ist es wieder!) Rezepte vorgestellt werden, sondern auch die Fehlschläge. Ich zum Beispiel habe neulich Hefeteigtaschen mit einer leider sehr trockenen Füllung zubereitet. Die sahen genauso aus, wie sie schmeckten: furchtbar.

Unleckere Teigtaschen

Foto: Simone Harland

(Ohnehin würde ich gerne wissen, wie ich es schaffe, dass der Hefeteig immer gleich locker ist. Manchmal ist er bei mir richtig fluffig, ein anderes Mal wie Kaugummi. Bislang schiebe ich das immer auf’s Wetter, wenn’s nicht klappt, höhö. Aber das ist ein anderes Thema …)

Die Geschmacksinformationen, die wir über die Zunge bekommen, sind ja ziemlich begrenzt – das schreibst du selbst in Show, don’t tell: süß, salzig, sauer, bitter, umami, fettig, das war’s im Großen und Ganzen. Wo finde ich denn zusätzliche Begriffe, um Geschmack zu beschreiben?

Zusätzliche Begriffe, um Geschmack zu beschreiben, findest du eigentlich überall. Wir wissen doch zum Beispiel alle, wie Zitronen schmecken. Warum also nicht „zitronig“ schreiben? Oder man benutzt solche Hilfskonstruktionen wie „mit einer Note frischer Minze“, „einem Hauch zimtiger Wärme“.

Daneben bietet die deutsche Sprache so viele Möglichkeiten für Wortneuschöpfungen, warum nicht einfach auch fürs Schreiben über Geschmack neue Wörter erfinden? So ließe sich zum Beispiel „XY schmeckte petersiliös“ oder „der basilkumeske Geschmack von XY“ schreiben. Alle Leserinnen und Leser werden wissen, was gemeint ist. Doch bitte: Dieses Mittel nur begrenzt einsetzen. Wenn man zu oft neue Wörter verwendet, wirkt das leicht aufgesetzt.

Auch Vergleiche sind bei der Beschreibung von Geschmack immer gut. Ein Beispiel: „Der Salat schmeckte wie zu lang gelagerte Papiertaschentücher“ (okay, okay, das ist jetzt nicht gerade positiv, aber auch negative Vergleiche sind ja manchmal nützlich).

In der Weinsprache hat sich ja ein sehr detailliertes Geschmacksvokabular herausgebildet: Da ist von samtigen Weinen die Rede, von dichtem Körper, vegetabilen Noten oder Aromen von gekochten Früchten bis Holzschrank. Kann man sich davon etwas abgucken? Oder ist das nur für Insider verständlich?

Wie schon gesagt: So etwas wie „zimtige Wärme“ kann man bei der Beschreibung von Speisen meiner Meinung nach durchaus schreiben, um Abwechslung zu schaffen. Aber ein Essen, das nach Holzschrank schmeckt, würde ich wohl eher nicht probieren. Nein, im Ernst. Man kann das machen, aber man sollte meiner Meinung nach nicht so weit gehen wie bei den Weinen. Denn ich finde viele dieser Beschreibungen zu abgehoben. Doch sie sollen wohl auch eher die Exklusivität der Weine und ihrer Kenner betonen. Denn mal ganz im Ernst: Wer kann sich unter einer vegetabilen Note schon etwas vorstellen?

Handvoll Walderdbeeren

Beim Essen geht es natürlich in erster Linie ums Schmecken (und Riechen). Gibt es denn noch andere Dimensionen, in denen man denken kann, um lebendig übers Essen zu schreiben?

Ich finde schon. Essen kann man auch beschreiben, indem man zum Beispiel auf die Konsistenz der Zutaten eingeht, auf ihre Farben, auf ihre Form. Lebendig übers Essen schreibt man jedoch in erster Linie, indem man Geschichten übers und ums Essen erzählt. So ist es zum Beispiel interessant, woher ein Rezept stammt, woran es die Bloggerin oder den Blogger erinnert, was sie/er mit dem Essen verbindet. Außerdem lässt sich schildern, wie man es vermeidet, sich in die Finger zu schneiden, welche Fehlschläge man in der Küche schon hinnehmen musste usw.

Manchmal ist es gar nicht so einfach, in einem immer wieder farbig und spannend übers Essen zu erzählen. Zumal ja der Ausgangspunkt vieler Rezepte, die man so postet, ehrlicherweise ist: „Ich hatte da was im Kühlschrank, das wollte ich verbrauchen“ oder „Ich hab da ein Rezept gefunden“. Wo findet man Inspiration, mit denen man die Leser_innen fesseln kann?

Inspiration findet man in erster Linie, indem man sich Fragen stellt: Woher stammt das Rezept? Wer hat es erfunden? Wann wurden die Zutaten erstmals verwendet? Woher stammen die Zutaten? Und, für Bloggerinnen und Blogger ganz wichtig: Was verbinde ich mit dem Rezept? Gibt es eine witzige, spannende oder traurige Geschichte, die mit dem Rezept in Zusammenhang steht? Denn die Leserinnen und Leser wollen gerne etwas aus dem Leben der Blogbetreiber lesen. Blogs leben ja von der Persönlichkeit der Bloggerinnen und Blogger. Irgendetwas Spannendes, Lustiges, Anrührendes wird sich sicher beim Beantworten der Fragen finden. Am sinnvollsten ist es, sich eine Handvoll Fragen aufzuschreiben und diese bei scheinbarer Ideenlosigkeit durchzugehen.

Kann man das Schreiben übers Essen trainieren? Hast du dafür Tipps?

Auf alle Fälle lässt sich das Schreiben (auch übers Essen) trainieren. Indem man ganz viel liest und sich Inspirationen holt von Autorinnen und Autoren, die man schätzt und mag. Wichtig ist es natürlich auch, regelmäßig zu schreiben und nie zu glauben, man wisse schon alles übers Schreiben. Doch man darf sich auch nicht entmutigen lassen. Wer schreiben will, sollte das tun.

Vielen Dank, Simone! Auch für das Bloglob. (Ich bin ein bisschen rot geworden. Vor Freude.)

Einen Tipp habe ich selbst zum Schluss noch: Simones eigenes Buch. Darin finden sich nämlich jede Menge enorm anschauliche Tipps, wie es gelingen kann, farbiger und lebendiger zu schreiben. Es geht darin zwar in erster Linie um das Schreiben von Geschichten, aber ich fand die Anleitungen und Übungen auch für Sachtexte sehr hilfreich. Denn auch da wollen schließlich Geschichten erzählt werden und Bilder im Kopf enstehen! Eine dicke Empfehlung also für alle, die ihr Schreibhandwerk verbessern möchten. (Und Simone: Könntest Du nicht jedes einzelne Deiner Beispiele im Buch zu einer schön langen Geschichte oder zu einem Roman ausbauen? Bitte? Ich will nämlich wissen, wie’s weitergeht!)

Cover Show don't tellSimone Harland
Show, don’t tell. Schreiben fürs Kopfkino
E-Book: als PDF, Kindle-E-Book oder Epub
3,99 €

20 Gedanken zu “Die Kunst, mit Worten Appetit zu machen: Interview mit Autorin Simone Harland

  1. Anna C.

    Was für ein schön zu lesendes, inspirierendes Interview- vielen Dank dafür. Was ich hier lese macht mir wieder Mut meinem Herzen und Bauchgefühl zu folgen beim Schreiben. Und den Luxus zu genießen, nur zu meinem Vergnügen zu schreiben…..

  2. lieberlecker

    Lecker ist verpönt? oooch … echt jetzt? ;-)
    Trotzdem liebe Grüsse aus Zürich und danke für das spannende Interview,
    Andy
    PS. Ich bleibe aber dabei – lieber lecker …. als gar nichts essen!

  3. Barbara

    Weil ich mir vorgenommen habe, wieder mehr in Blogs zu kommentieren und nicht immer bloß auf FB, also auch hier noch mal: Sehr Schönes Interview zu einem tollen Thema mit einer starken Gesprächspartnerin. Danke, auch für den Zuwachs für meinen Feedreader, Abteilung „Leben und so“.

    Herzliche Grüße!

  4. Carina von Raspberrysue

    Liebe Sabine, vielen Dank für dieses bereichernde und spannende Interview! Ich selbst stelle immer wieder fest, dass ich gern mehr an meinem Schreibstil arbeiten möchte. Das Wort „lecker“ verwende ich einfach weiter, weil ich zum Beispiel „yummy“ nicht so toll finde. Aber nun werde ich mal ab und zu in mich gehen und versuchen, alles etwas genauer und schöner zu umschreiben. Toll! Viele Grüße, Carina

    1. Sabine Schlimm Artikel Autor

      Danke, Carina! Freut mich, wenn dir die Tipps weiterhelfen. Ich glaube, der erste Schritt ist sowieso der Wunsch, es möglichst schön und anschaulich zu machen – nicht komische Wortverbote. Viel Spaß beim Schreiben!

  5. Gabi

    Liebe Sabine,

    so ein tolles Interview. Vielen Dank dafür. Zu „lecker“ wurde ja schon einiges gesagt. Ich versuche es manchmal mit köstlich, aber wer mich kennt, weiß, dass das nicht ich bin. Toll finde ich die Idee mit den Wortschöpfungen. Passend zum Lutherjahr. Ich sage nur Muckefuck…

    Liebe Grüße von Gabi

    1. Sabine Schlimm Artikel Autor

      Aber liebe Gabi, zeitgemäßer als „Muckefuck“ wäre doch sicher „Grain Tea“. Oder „Detox Coffee“. Oder „Bitterwurzel-Essenz“. Da musste aber noch mal ran. ;-)

  6. zorra

    Danke für dieses interessante Interview, ich habe einige Anregungen mitgenommen, die ich ausprobieren werde. Was das Wörtchen „lecker“ betrifft, ich verstehe die Ablehnung auch nicht, wobei Deutsch ist ja auch nicht meine Muttersprache.

    1. Sabine Schlimm Artikel Autor

      Freut mich, wenn Dir das Interview was gebracht hat! Ja, das mit dem „lecker“ … Ich vermute, am Anfang stand tatsächlich mal der Gedanke, dass man schließlich farbiger übers Essen schreiben kann, als nur einfach „lecker“ zu sagen. Aber das hat sich verselbstständigt zu „man darf nicht lecker sagen“.

  7. Katja

    „(Und Simone: Könntest Du nicht jedes einzelne Deiner Beispiele im Buch zu einer schön langen Geschichte oder zu einem Roman ausbauen? Bitte? Ich will nämlich wissen, wie’s weitergeht!)“

    Ja, bitte.

    Da sagst du was, Sabine. Das habe ich nämlich beim Lesen von Simones E-Book auch gedacht!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.


Indem Sie diese Seite weiter nutzen, stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Auf dieser Website lautet die Cookie-Einstellung "Cookies zulassen", um Ihnen das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn Sie diese Website weiter nutzen, ohne Änderungen an Ihren Cookie-Einstellungen vorzunehmen, oder unten auf "Akzeptieren" klicken, dann erklären Sie sich mit dieser Einstellung einverstanden.

Schließen