Hühnchen und Hähnchen

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Im Grunde sind Eier kein vegetarisches Lebensmittel. Nicht in dem Sinne jedenfalls, dass dafür keine Tiere sterben müssen, denn in der Eierproduktion (wie auch in der von Milch und Milchprodukten) sind allein weibliche “Arbeitskräfte” gefragt. Es sind Kühe, die die Milch geben, und Hühner, die die Eier legen. Kühe tun das nur, wenn sie gekalbt haben. Und wenn das Kalb männlich ist und daher nicht für die Milchproduktion großgezogen werden kann, dann wird es gemästet und irgendwann geschlachtet.

Chromosomenpaar XY? Ausschuss.

Hühner legen zwar “einfach so” Eier (wobei “einfach” der falsche Ausdruck ist, dazu komme ich gleich noch). Aber bei der Zucht von Legehühnern fallen – so hat die Natur es eingerichtet – rund 50 % Ausschuss an. Ausschuss, das sind die Hähnchen. Als Hühner noch auf kleinen Bauernhöfen scharrten, waren die männlichen Küken kein Problem. Sie wurden halt großgezogen und kamen irgendwann als Sonntagsbraten auf den Tisch. (Womit ich weder gesagt haben will, dass früher alles besser war, noch, dass das die Eier “vegetarischer” machte.)

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Die heutige industrielle Eierproduktion – und hier sprechen wir von konventionell und Bio gleichermaßen – allerdings verlangt nach Hühnerrassen, die auf Legeleistung gezüchtet sind. Ein solches Huhn legt ungefähr 300 Eier im Jahr, und dass das bei aller Züchterei zu viel für einen kleinen Hühnerkörper ist, zeigt sich daran, dass sie das nur ein bis anderthalb Jahre durchhalten. Dann sind die Hühner ausgelaugt, und die nächste Generation muss ran. Die ist allerdings zu dem Zeitpunkt schon um die 50 % männlichen Küken dezimiert, denn die werden sofort nach dem Schlüpfen vergast oder geschreddert. Ja, ganz genau, so hart: vergast oder geschreddert.

Spezialisten sind gefragt

Ihr Unglück ist, dass sie eben zu einer auf Legeleistung gezüchteten Rasse gehören, die nicht so schnell Fleisch ansetzt wie die Rassen, die auf Mast gezüchtet sind. Tja. Sie zu mästen, dauert zu lange und ist zu teuer. Lohnt sich nicht. Weg damit.

Im März schrieb Katharina Seiser auf esskultur.at über zwei österreichische Eieranbieter, die hier ausgestiegen sind und eine neue Zweinutzungsrasse (so nennt man das nämlich, wenn sich die Hühner sowohl für die Eier- als auch für die Fleischproduktion eignen) einsetzen. Sie entsorgen die männlichen Küken nicht, sondern mästen sie. Sofort hatte ich nachgeschaut, ob es solche Projekte in Deutschland auch gibt – in den Kommentaren wurden zwar die Hermannsdorfer Landwerkstätten erwähnt, aber deren Eier kommen hier im Norden nicht an (was ja auf anderer Ebene sinnvoll ist).

Eier vom Hahn-und-Henne-Hof

haehnlein_eierkarton

Ich dachte also, das dauert noch, bis ich solche Eier kaufen kann. Aber jetzt hatte ich sie in den Händen! Ganz zufällig bin ich im Bioladen darauf gestoßen. Die Erzeugergemeinschaft Fürstenhof in Mecklenburg-Vorpommern hat das Projekt haehnlein ins Leben gerufen. Gleiches Prinzip: Sowohl Hühnchen als auch Hähnchen werden großzogen, nur dass hier nicht die Rede von einer neuen Zweinutzungsrasse ist – wenn ich es recht verstehe, wird hier eine Legerasse verwendet. Die Kosten, die bei der teureren Hähnchenmast anfallen, werden sowohl auf Fleisch als auch auf Eier umgelegt.

Ich habe für das Sechserpack Eier 2,99 Euro bezahlt (gefunden im denn’s Biomarkt und inzwischen auch bei Alnatura), und das ist mir jeden Cent wert. Dann kann ich meine sonntäglichen Blaubeerpfannkuchen nämlich mit besserem Gewissen essen.

Blaubeerpfannkuchen

10 Gedanken zu “Hühnchen und Hähnchen

  1. katha

    danke für diese ergänzung, es tut sich was!
    in meiner reportage hatte ich ganz am ende auch auf die mir bekannten deutschen projekte verwiesen:
    “In Deutschland gibt es mehrere von Bio-Verbänden ausgehende Initiativen mit dem gleichen Ziel, z. B. http://www.bruderhahn.de, http://www.aktion-ei-care.de oder das Landhuhn von http://www.hermannsdorfer.de
    leider kann man bei den beiden österreichischen projekten (noch) nicht von “ausstieg” sprechen, sie bieten einen kleineren teil ihrer eier von diesen neuen hühnern (legehybriden, also offenbar keine “echten” zweinutzungsrassen im ursprünglichen wortsinn) und gockelhähne (ab herbst im größeren stil) an. aber ich bin guter dinge, dass es in dieser richtung weitergeht. es muss.

  2. Sabine Schlimm Artikel Autor

    Vielen Dank, Katha, auch für die Links! Ich bin auch mal gespannt, ob ich so was wie das Bruderhahn-Siegel dann tatsächlich mal auf Produkten im Laden finde. Jetzt freue ich mich erst einmal, dass ich eine Eierquelle kenne.

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    1. Sabine Schlimm Artikel Autor

      Es bewegt sich was; wie schön. Danke für die Ergänzung! Bei uns in Hamburg habe ich allerdings bisher noch kein Hähnchenfleisch aus solchen Projekten gesehen. Aber ich halte die Augen offen.

  5. Bentolily

    Interessant ist, dass die Betriebe/Organisationen, die sich den Zweinutzungsrassen widmen, von den Banken hart ausgebremst werden. Solche Projekte kosten nun mal vorab einiges an Investitionen und die Ergebnisse (Legeleistung/Mast) sind deutlich unterhalb derer aus Hybridhühnerhaltung. Es sind mutige Projekte, die man unterstützen kann. Die Herrmannsdorfer Landwerkstätten haben so nun schon wiederholt das “Landhuhndarlehen” aufgelegt, mit dem man selbst mit kleineren Beträgen Kreditgeber werden kann. Finde ich gut. Die Herrmansdorfer Eier und Hühner/Hähne sind übrigens selbst im Raum München nur begrenzt erhältlich. Eier von der Bruderhahn-Initiative gibt’s aber beim Basic (zumindest hier ganz im Süden).

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