Ferkelaufreger, Sündenbockreflexe und Ratlosigkeit

Gerade lief im Fernsehen mal wieder eine Enthüllungsreportage über Zustände in der Massentierhaltung. Schlimme Bilder, schlimme Fakten: Im konkreten Fall geht es darum, dass einige hochgezüchtete Schweinerassen mehr Ferkel werfen, als die Sau Zitzen hat – unwirtschaftlicher Überschuss in den Ferkelzuchtanlagen, dem nebenher und gegen alle Tierschutzbestimmungen der Garaus gemacht wird. Ferkel gegen Boden oder Wand hauen, fertig.

Unmenschliche Tierhaltung

Ja, das ist unsäglich. Und trotzdem sehe ich den Film mit einem hilflosen Achselzucken an. Wer ernsthaft behaupten kann, nichts über die tierquälerischen Begleiterscheinung der industriellen Fleischproduktion zu wissen, der/die hat vermutlich die letzten vierzig Jahre in einer Selbstversorger-Landkommune ohne Fernseh- und Radioempfang sowie Internet verbracht. Wir anderen haben vermutlich alle schon solche Berichte gesehen, gelesen oder davon gehört: von verdurstenden Schweinen auf Tiertransportern, von lebendig zerteilten Tieren in Schlachthöfen, von federlosen, schnabelkupierten Hühnern, und so weiter, und so fort.

Street_Art_Schwein

Street Art, Schanzenviertel, Hamburg.

Entsprechend reflexhaft kamen mir die Reaktionen in meinem Teil des Internets vor: Die Discounter sind schuld. Die Fleischbilligkäufer sind schuld. Wir jedenfalls – wir sind nicht schuld, denn wir essen total wenig Fleisch, und wenn, dann nur Bio! Und da darf ich mich mit einreihen, denn das sage ich ja auch gelegentlich.

Nur: Am System ändert sich offenbar gar nichts, nur weil in Hamburg-Ottensen, Berlin-Prenzelberg oder sonstwo unter total ökologisch und sonstwie bewussten Gutverdienern der Griff zum Biofleisch eine Frage des persönlichen Sozialstatus geworden ist. (Dazu ein lesenswertes Interview mit der Konsumanthropologin Gabriele Sorgo.)

Gewinnmaximierung juchhe!

Und selbst das persönliche schlechte Gewissen lässt sich dadurch nicht zuverlässig beruhigen. Denn im Grunde weiß ich, dass auch Bio-Betriebe in der Regel keine Bilderbuchbauernhöfe sind, sondern Wirtschaftsbetriebe. Und die können nur existieren, wenn sie genügend Fleisch produzieren, um mit dem dafür erzielten Preis die Kosten zu decken und Gewinn zu machen. Was bedeutet: Kosten runter (häufig auf Kosten des Tierwohls) oder Preise rauf. Clevere Geschäftsleute drehen gleich an beiden Schrauben.

Natürlich gibt es clevere Geschäftemacherei auch da, wo uns Konsument_innen jede Menge Verantwortung für die Tiere vorgegaukelt wird. Das hat zuletzt der Neuland-Skandal gezeigt, bei dem herauskam, dass im großen Stil konventionell gehaltene Hähnchen als besonders artgerecht aufgezogene Neuland-Hähnchen verkauft wurden. Das Kontrollsystem von Neuland hatte versagt.

Die eingangs erwähnte Reportage kommt ebenfalls zu dem Schluss, dass auch die staatlichen Tierschutzkontrollen weitgehend wirkungslos bleiben – oder die Geldstrafen werden von den Schuldigen achselzuckend bezahlt, weil eine Tierhaltung, die gegen gesetzliche Vorgaben verstößt, offenbar lukrativ genug ist. Und ich möchte nicht wissen, wo sonst noch überall ein Auge zugedrückt wird, wenn es um nicht ganz koschere Tierhaltungspraktiken geht. Auf Siegel und Beteuerungen kann man sich jedenfalls nicht verlassen. Und das gilt natürlich genauso für Biosiegel.

Von manchen wird die solidarische Landwirtschaft (auch CSA, community-supported agriculture) als Lösung betrachtet: Alle Leute gehen einfach enge Partnerschaften mit Höfen ein, garantieren Absatzmengen und Preisstabilität für die landwirtschaftlichen Produkte und werden im Gegenzug mit allem versorgt, was der Hof hergibt. Grundsätzlich ein lobenswertes Modell. Aber ehrlich: Zur Versorgung von Millionenstädten dürfte das wenig geeignet sein.

Sollen sich doch die anderen einschränken!

Zurück zum schnöden Geld: Wenn es also im Kern der Sache nur darum geht, stimmt dann der Ruf, dass Fleisch bei uns zu billig ist? Vielleicht. Aber eine Erhöhung der Fleischpreise würde möglicherweise an der Tierhaltung gar nichts ändern, sondern nur die Gewinnmarge für die Fleischproduzent_innen vergrößern. Und spüren würden es nicht wir Biofleischkäuferinnen, wenn das Supermarktschnitzel teurer wäre, sondern diejenigen, bei denen das Geld knapp ist. „Macht Fleisch teurer!“ heißt also im Klartext: Sollen sich also die Armen ruhig einschränken. Ach ja, eine Studie zeigt übrigens, dass die trotzdem weiter Fleisch kaufen und dafür den Verbrauch von Obst und Gemüse runterfahren würden, um die höheren Ausgaben zu kompensieren. (Diese Studie und die Forderung nach teurerem Fleisch wird ausführlich von Ruth Berger in diesem Artikel diskutiert.)

Also doch ganz weg vom Fleisch? Ist auch keine Lösung, das hatte ich hier ja schon einmal ausgeführt: Nachhaltige (ja, entschuldigt den überstrapazierten Begriff) Landwirtschaft braucht Tierhaltung, allein schon, um mit dem Mist die Böden langfristig fruchtbar zu halten – denn Kunstdünger benötigt die endliche Ressource Phosphor und außerdem viel Energie zur Herstellung. Außerdem können Kühe landwirtschaftlich sonst nicht nutzbares Grasland beweiden und das für die menschliche Ernährung ungeeigneten Pflanzenrohmaterial in Milch und Fleisch verwandeln. Schweine und Hühner wiederum könnten eigentlich Abfälle der Nahrungsmittelproduktion fressen und verwerten, machen also aus nutzlosen Kalorien nutzbare.

Verzicht bringt’s nicht. Wahrscheinlich.

Ein weiteres Argument gegen totalen Fleischverzicht nennt Elisabeth Raether in ihrem Kurzartikel über die Irrtümer, denen vegetarisch bzw. vegan lebende Menschen aufsitzen:

Die Annahme: Den Nutztieren in deutschen Ställen geht es nicht gut. Wenn ich auf Fleisch verzichte, ist das ein Boykott.
Die Wirklichkeit: eine Geste. Verständlich. Und sehr praktisch für den Bundeslandwirtschaftsminister. Zusammen mit Veganern und Vegetariern schiebt er die Schuld für die Tiermisere dem verfressenen Verbraucher in die Schuhe.

Bisher bin ich immer davon ausgegangen, dass wenn nicht der totale, so doch der partielle Fleischverzicht der Weg der Vernunft ist. Alle essen weniger Fleisch, der Verbrauch geht zurück, die Massentierhaltung wird überflüssig, weniger Tiere im Stall bedeutet, dass deren Bedürfnisse stärker beachtet werden können. Nun ahne ich, dass nichts davon passieren wird, auch wenn alle Deutschen auf einmal ihren Fleischkonsum halbieren (haha). Dann wird halt für den Export produziert – und irgendwo finden sich sicher ein paar Abnehmer, denen es noch egaler ist als uns, wie es den Tieren zu Lebzeiten ging.

Ehrlich, ich fühle mich machtlos, etwas an diesem System zu ändern. Vielleicht sollte ich in Zukunft Petitionen für bessere Tierschutzgesetze (und bessere Kontrollen!) unterschreiben oder für eine bessere Landwirtschaft demonstrieren, während ich Wurstbrot und Schweinebraten kaue. Aber ob das was bringt?

Und während ich hier ziemlich ratlos sitze, stoße ich an einem Tag gleich auf mehrere Artikel mit demselben Tenor: Alles asketischer Quatsch, diese Fleischverzichtsnummer – wir sollten lieber wieder genießen lernen.

So was in der Art schreibt Elisabeth Raether im ZEITMagazin.

So was in der Art schreibt Susa im Blog 180°.

So was in der Art schreibt Jakob Strobel y Serra in der FAZ online.

Früher war mehr kulinarische Wollust? Hmm. Mir ist jedenfalls der Appetit auf (Fleisch-)Orgien aktuell vergangen, womit ich mich wohl in die Reihe der von Strobel y Serra verachteten „Ideologen und Asketen“ einreihen darf. Ich komme mir ja selbst schon ganz dogmatisch und verbiestert vor. Dabei bin ich eigentlich ein wirklich genussfreudiger Mensch. Dieser Artikel (und meine Überlegungen) bleiben allerdings unbefriedigend: lauter Fragezeichen, kein Fazit.

Wie ist das denn bei euch? Habt ihr für euch einen Weg gefunden, oder meint ihr, ich solle mich einfach mal ein bisschen lockermachen?

 

25 Gedanken zu “Ferkelaufreger, Sündenbockreflexe und Ratlosigkeit

  1. Eva

    Nun, die einzig wahre Lösung wäre wohl der kollektive Freitot der gesamten Menschheit – verzeih‘ sehr zynisch. Ich weiß auch keine Lösung, letztlich muss jeder für sich selbst schauen und sehen, wo er konsequent etwas tun kann. Es liegt ja nicht nur die Ernährung im Argen. Für mich bedeutet das keinesfalls den völligen Verzicht auf Fleisch. Ich habe das Glück, gute Quellen (bei denen ich mich persönlich von den Haltungsbedingungen überzeugen konnte) ausfindig gemacht zu haben. Das ist natürlich Luxus. Anderes Fleisch esse ich seltenst, im Zweifel bestellte ich im Restaurant (in das ich desweiteren seltenst gehe) das vegetarische Gericht.
    Generell habe ich das Gefühl, dass hierzulande der Lebensgenuss auf der Strecke (der Produktivität und des Wachstums) geblieben ist. Und auch da kann jeder nur wieder für sich entscheiden und selbst zu denken ist halt anstrengend. ;-)

    1. Sabine Schlimm Artikel Autor

      Ja, Eva, um Deine persönlich bekannten zuverlässigen Fleischquellen beneide ich Dich! Und im Restaurant versuche ich seit geraumer Zeit ebenfalls kein Fleisch aus dubiosen Quellen zu essen. Aber mancherorts sind die vegetarischen Gerichte eine Strafe (oder gleich gar nicht vorhanden). Bei meiner Konsequenz ist da noch Luft nach oben!

  2. ninive

    Schwieriges Thema… ich lebe zum Glück in einer Gegend wo ich sehr viel direkt beim Erzeuger einkaufen kann, und mir somit anschauen unter welchen Bedingungen was wächst. Bei Käse oder Wurst wirds schon schwieriger… von Kaffee, Schokolade, Südfrüchten will ich erst garnicht anfangen.
    Bewußt genießen und Maß halten sind sicherlich nicht die schlechtesten Ansatzpunkte. Und suchen, nach vertrauensvollen Lieferanten.

    1. Sabine Schlimm Artikel Autor

      Toll, dass bei Dir so viel „Anschauung“ möglich ist! Ich glaube, an dem „Maß halten“ werde ich mich auch weiter festklammern, trotz aller Zweifel, dass es was bringt.

    2. Klaus-Peter

      Beim Kaffee ist das Angebot an zertifizierter Bio-Fair-Trade-Ware doch gar nicht so knapp, bei steigender Nachfrage würde sicherlich problemlos umgestellt. Auch beim regionalen Röster, wo vorhanden. Sogar selbst-Rösten ist hier eher unproblematisch, bevorzugt in einer Bezugsgemeinschaft.

  3. Barbara

    Liebe Sabine,

    eine Lösung habe ich nicht. Nur so viel: Du hast exakt die Gedanken & Gefühle formuliert, mit denen ich mich auch rumschlage, seit ich die Bilder dieser unsäglichen Ferkel-Nummer gesehen habe. Seither: kein Fleisch; schon überhaupt nicht, wenn die Quellen so dubios sind wie im Fall unseres Kantinen-Essens. Und dabei die ungute Gewissheit, dass dieser Mini-Verzicht meinerseits mit Blick auf die Haltungsbedingungen der Tiere null Komma gar nix bringt…

    Herzliche Grüße aus dem Dilemma!

  4. Regionalulf

    Dank für diesen guten, überlegten Artikel. Meine Überzeugung: Man muss selbst die Produktionsverhältnisse ändern. Weniger Fleisch – und wenn, dann gutes – und solidarische Landwirtschaft/CSA sind schon ein guter Anfang. Egal, ob man damit eine Millionenstadt (oder wahlweise das Land, die Welt) ernähren kann. Oder – Werbeblock! – bei der Regionalwert AG mitmachen. Ökologisch, sozial und regional vom Acker bis zum Teller. Mit dem Ziel, kleine regionale Kreisläufe zu errichten, die sich gegenseitig stützen und den Ressourcen-Einsatz minimieren. Werbeblock Ende. :)

    Viele Grüße
    Ulf

    1. Sabine Schlimm Artikel Autor

      Danke, Ulf, auch für den Werbeblock! Vermutlich hast Du recht, und es ist auf jeden Fall besser, im Kleinen anzufangen, als auf die globale Lösung zu hoffen. Ich guck mir dann mal die hiesigen CSA-Projekte an … und natürlich die Regionalwert AG.

  5. Annette Jarosch

    Ich persönlich fühle mich weitaus besser, seit ich meine Ernährung vor drei Jahren auf vegan umgestellt habe. Vor allem das gute Gefühl, nichts mehr mit dem gesamten System der Fleischherstellung zu tun zu haben, ist dabei entscheidend. Ich muss nie ein schlechtes Gewissen haben, weil für meinen Gaumenschmaus Tiere sterben müssen, die genauso gern leben wie ich und die vielleicht nicht so differenziert und bewusst fühlen wie wir, aber eben doch fühlen. Ich muss auch nicht mehr Nachdenken über Antibiotika im Fleisch und darüber, dass Biotiere auch nicht totgestreichelt werden! Es gibt nunmal kein Fleisch von glücklichen Tieren, sondern eben nur von toten.
    Und da es sowieso nie passieren wird, dass auf Fleischkonsum komplett verzichtet wird, bleibt mir nur, im Kleinen ein Zeichen zu setzen, immer mehr Menschen in meinem Umfeld ganz undogmatisch von veganen Köstlichkeiten zu überzeugen und so mein kleinen Beitrag zu einer großen Idee zu leisten, deren Zeit angesichts der Tier-, Klima- und Umwelteinflüsse des globalen Fleischkonsums definitiv gekommen ist!

    1. Sabine Schlimm Artikel Autor

      Danke für Deinen ausführlichen Kommentar, Annette! Deinen Umstieg auf vegane Ernährung kann ich durchaus nachvollziehen, auch wenn das – aus guten Gründen! – nicht mein Weg ist. Was mir aber, egal ob ich nun auf tierische Produkte ganz verzichte oder nur auf solche aus Massentierhaltung, irgendwie im Moment zu wenig ist, ist, dass es nur der persönlichebn Gewissensberuhigung dienen soll. Ich wünschte, ich könnte daran glauben, dass es wirklich etwas am System ändert.

  6. Annette Jarosch

    Nein, es ist längst nicht nur zur eigenen Gewissensberuhigung. Denn würde jeder vor der eigenen Türe kehren, wäre überall gekehrt! Dass ich ein gutes Gewissen habe, ist nur ein angenehmer Nebeneffekt. Viel wichtiger ist doch, dass jeder seinen kleinen Beitrag leistet, um etwas Großes überhaupt erst möglich zu machen. Wie sollen ein Umdenken in einer ganzen Gesellschaft und eine Änderung des Systems funktionieren, wenn nicht jeder Einzelne bei sich anfängt? Auf Gesetze der Politik oder Einsicht der Großkonzerne brauchen wir nicht zu warten. Die Macht geht vom Verbraucher aus und es sind zum Glück immer mehr, die das verstehen und umdenken.

    Was mich aber besonders interessiert, Sabine, sind deine guten Gründe???

    1. Sabine Schlimm Artikel Autor

      Die guten Gründe habe ich oben und in dem verlinkten Artikel zum Wieso und Weshalb des „Brotaufstrichs des Monats“ genannt: Eine nachhaltige Landwirtschaft braucht Tiere. Nicht so, wie Tiere im Moment gehalten werden, aber im vernünftigen Verhältnis zu Fläche und Art der Landschaft.
      Und was das Kehren vor Haustüren angeht: Das war ja der Anlass meines Artikels, dass ich derzeit stark bezweifle, dass mein Beitrag (egal ob weniger Fleisch oder gar keine tierischen Produkte) tatsächlich ir.gend.einen spürbaren Beitrag zu irgendwas leistet. „Die Macht geht vom Verbraucher aus“, sagst Du. Ich bin da gerade ziemlich mutlos.

  7. Annette Jarosch

    Ich bin überhaupt nicht mutlos, angesichts der zunehmenden Durchdringung des Themas in den Medien, immer mehr veganer Supermärkte und Restaurants etc. Die Idee dringt durch, langsam, aber sicher und Trendforscher sagen, dass es in 10 Jahren genauso verpönt sein wird, Fleisch zu essen, wie es heute das Rauchen schon ist.
    Deine anderen Artikel habe ich noch nicht gelesen, werde das aber morgen nachholen, muss jetzt weg, zum Veggie-Grillen :))) Liebe Grüße

    1. Sabine Schlimm Artikel Autor

      Nein, dass das Thema sehr, sehr populär ist, ist mir klar (auch wenn ich eine klitzekleine Verzerrung durch meine persönliche Filterblase vermute). Mutlos bin ich, dass sich etwas bei den Produzent_innen ändert, nur weil die Verbraucher_innen verzichten.

  8. Andrea Tripmacker

    Der Artikel beschreibt sehr treffend, was auch in mir schon seit geraumer Zeit umgeht. Die Frage, was man als einzelner machen kann und die Ohnmacht, dass es eventuell nichts ist. Ich habe mich so wie Annette für die vegane Lebensweise entschieden und meine pubertierende Tochter hat voller Überzeugung mitgezogen. Wir sind absolute Genussmenschen und in Anbetracht des großen Angebots an tierleidfreien Lebensmitteln aus denen sich die leckersten Gerichte zaubern lassen (und nein, ich meine keine Fleischersatzprodukte) bleibt der Genuss auch nicht auf der Strecke. Wir sind allerdings nicht militant, so dass wir in Ausnahmefällen auch mal nur avap (as vegan as possible) handeln, z.B. bei Einladungen oder Klassenreisen. Was uns antreibt ist die Empathie. Einmal hingesehen konnten und können wir nicht weiterhin so tun, als wüssten wir nichts. Wir sehen in jedem Schnitzel, jedem Steak und jeder Wurst das Tier, aus dem es geschnitten wurde, was ein herzhaftes Zubeißen unmöglich macht. Unsere unmittelbare Umgebung ist zumindest dem Thema gegenüber schon mal aufgeschlossen, wenn sie uns beim Schlemmen ohne Tierprodukte erleben. Kommentar eines Mitschülers: „Warum sieht deine Brotbox immer so lecker aus, Bitch?“

  9. Andrea Tripmacker

    Ach ja, ich hatte vergessen zu erwähnen, dass ich Mitglied der nur in Berlin ansässigen Genossenschaft „LPG“ bin und meine Lebensmittel überwiegend dort zu für Mitglieder vergünstigten Preisen hole. So ist das auch nicht viel teurer als die konventionellen Einkäufe.

    1. Sabine Schlimm Artikel Autor

      „Avap“ – wieder was gelernt! :-) Danke für Deine Erfahrungen, Andrea! Ich finde auch, es gibt eine Menge leckerer veganer Sachen; mein Horizont hat sich in den letzten Jahren da auch sehr vergrößert, weil ich etliche vegane Kochbücher lektoriert habe. Aber ich esse nach wie vor auch Fleisch und Fisch und genieße das auch.

  10. Annette Jarosch

    Liebe Sabine,
    nun habe ich deinen Artikel, der zu den guten Gründen führt, gelesen und zunächst mal will ich dir sagen, wie froh ich darüber bin, deine Seite gefunden zu haben. Denn deine Artikel sind nicht nur erstklassige geschrieben, sondern auch fundiert und differenziert, mit guten Argumenten, die zur Auseinandersetzung einladen! Das ist selten, wenn es um das Thema Ernährung geht.
    Du zitiertest hier oben Elisabeth Reather aus ihrem Kurzartikel in ZEIT online. Ich habe den langen Artikel im ZEIT Magazin gelesen und sie stellt sich ziemlich genau solche Fragen wie du. Was bei ihr letztlich als einziges Argument bleibt, ist deines: weil es schmeckt. Und du schreibst, dass Essen für dich Genuss sein soll und nicht Verzicht.
    Was aber wäre, wenn du anhand der unzähligen genial leckeren und veganen Rezepte feststellst, dass dir gar nichts fehlt, weil es total super schmeckt und es dir (auf Dauer) mental und körperlich deutlich besser geht? Vom kleinen Beitrag zu den sonstigen positiven Auswirkungen wie Umwelt, Wasser, CO2 etc. mal ganz abgesehen). Wenn du plötzlich die paar lästigen Pfunde zuviel wie von selbst abnimmst, eine pickelfreie Haut bekommst, wie eine Baby und du statt der früher üblichen Mittagsmüdigkeit den ganzen Tag und bis in die Nacht vor Energie nur so strotzt? Noch dazu merkst du, wie sich deine Einstellung zum Leben (anderer) verändert, weil du plötzlich nachvollziehen kannst, wie sich eine Kuh fühlen muss, die (dauerschwanger) ihr Kälbchen hergeben muss und darunter furchtbar leidet, nur weil du ihre Milch trinken willst, die von der Natur niemals für dich vorgesehen war. Oder Kühe, die im Schlachthof bitterlich anfangen zu schreien und zu weinen, weil sie genau merken, was auf sie zukommt. Du lernst Menschen kennen, die dir aus erster Hand (weil vegane Tierärztin im Schlachthof ) erzählen, was mit Biotieren im gleichen Schlachthof genauso passiert, wie mit allen anderen. Und dann wagst du den ganz großen Schritt und traust dich, einen Film (bis zu Ende) anzuschauen, von dem alle sagen, dass er so grausam sei, aber eben die Wahrheit, der es ins Auge zu schauen gilt. Danach triffst du nur eine einzige kleine Entscheidung aus tiefster Überzeugung: Tiere sind keine Lebensmittel. Punkt.
    http://www.earthlings.de

  11. Annette Jarosch

    Und als kleine Antwort auf deinen letzten Post: die Nachfrage bestimmt letztendlich und auf Dauer immer das Angebot.

    1. Sabine Schlimm Artikel Autor

      Liebe Annette, nein, ganz so hatte ich Elisabeth Raether nicht verstanden, dass es ihr im Endeffekt nur um Genuss geht, den sie irgendwie hilflos rechtfertigen muss. Und mir auch nicht. Ich habe mich mit dem Thema wirklich beschäftigt, habe dazu viel gelesen und viel nachgedacht, ich habe die Filme zu Ende angeschaut und die Bücher zu Ende gelesen und sage immer noch: Ich halte es für nicht nur vertretbar, sondern auch richtig, dass Menschen und Nutztiere quasi in Symbiose zusammenleben, was eben auch heißt, dass die Tiere getötet werden, um dem Menschen zur Nahrung zu dienen. Ich bin durchaus zu Empathie mit Tieren in der Lage, und ich lehne alles ab, was Tieren unnötig Leid zufügt, aber wenn es für mich ums Überleben ginge, würde auch ich es hinkriegen, ein Huhn zu töten.
      Mir ist klar, dass auch die vegane Ernährung durchaus genussreich sein kann. Aber auch tierische Lebensmittel sind Genuss. Und sie sind – und da spielt eine Rolle, dass ich mich nicht nur privat, sondern auch beruflich mit Essen beschäftige – auch Teil unserer Kultur, der Kochkultur. Ich fände schon, dass Wesentliches verloren ginge, wenn das alles wegfiele.
      Tut mir leid, Annette: Ich beschäftige mich gerne mit pflanzlicher Küche, habe da keine Berührungsängste und baue auch den Anteil veganer Mahlzeiten sukzessive aus. Aber Veganerin werde ich nicht.

  12. Annette Jarosch

    Ich würde auch ein Huhn töten, wenn es um mein Überleben ginge. Geht es aber nicht.
    Und dem Tier ist es letztlich egal, warum es nicht gegessen wird. Hauptsache es darf leben, so wie ich leben will. Und jedes vegane Essen und jeder vegane Brotaufstrich zählen. Würden wir in Deutschland nur an EINEM Tag in der Woche auf Fleisch verzichten, müssten 138 Millionen Tiere jährlich weniger nur dafür sterben, damit wir sie als im Verwesungsprozess befindliche Leichenteile auf dem Teller haben. Ich freu mich über jede(n), der sich darüber Gedanken macht und sein Handeln öfter mal überdenkt, so wie du es tust. Denn wie sagte Franz Kafka so schön: „Wege entstehen dadurch, dass man sie geht“.

    1. Sabine Schlimm Artikel Autor

      Klar geht es nicht ums Überleben. Daher überlasse ich das Töten auch anderen und esse nur das Fleisch. Aber ein häufig gehörter Vorwurf an uns Omnivoren ist ja: „Wenn euch bewusst wäre, was ihr da esst, würdet ihr’s sein lassen.“ Und das meine ich eben nicht.
      Mein Weg ist anders als Deiner. Aber in einem sind wir uns einig: Weniger Nutztierhaltung wäre eine sehr gute Idee.

  13. Annette Jarosch

    Ich möchte die Diskussion nicht endlos weiter führen. Die einzige Frage, die ich mir wirklich ernsthaft stelle ist die: wie kann man diesen Film bis zu Ende sehen und nicht sofort entsprechende Konsequenzen ziehen? Mir würden diese Bilder bei jedem Stück Tier den Appetit verderben und jeder Bissen würde mir im Hals stecken bleiben.
    Weiterhin alles Gute auf deinem Weg und danke für deine Impulse.

  14. Pingback: Was Fleisch essen mit nachhaltiger Landwirtschaft zu tun hat

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