Sonntags-Safran-Luxus: Linguine mit Dicken Bohnen

Bei uns zu Hause gab es früher eine unverrückbare Essensregel: Ein Löffelchen muss probiert werden. Und zwar von allem, „denn es könnte sich ja der Geschmack verändert haben“. Letzteres muss man sich von uns vier Schwestern im Chor gesprochen vorstellen, mit halb genervtem, halb belustigtem Tonfall. Die Regel hatte erst mal einen pragmatischen Sinn: Jede von uns vieren hat als Kind quasi wöchentlich neue Vorlieben und Abneigungen entwickelt. Hätte meine Mutter das alles ernst genommen, sie wäre beim Kochen vermutlich wahnsinnig geworden.

Der andere Sinn hat sich mir erst im Nachhinein so richtig erschlossen. Inzwischen weiß man zwar, dass es viel mit genetischer Disposition zu tun hat, ob man nun Koriander mag oder Spargel verabscheut – aber wer sich einem bestimmten, als unangenehm empfundenen Geschmack wieder und wieder aussetzt, der lernt ihn tatsächlich zu akzeptieren. Gene hin oder her.

Möglicherweise ist es also der Ein-Löffelchen-von-allem-Regel meiner Eltern zu verdanken, dass ich mit einer relativ übersichtlichen Liste kulinarischer No-gos in das Leben mit eigener Küchenverantwortung gestartet bin. Auf der Liste standen:

  • Bier und Oliven (= bitter. Beide Abneigungen fielen am selben lauen Sommerabend bei einem Picknick im Garten unseres Studentenwohnheims. Lag wohl an kulinarischem Gruppendruck.)
  • Matjes (ebenfalls längst Vergangenheit, obwohl es damit länger gedauert hat. Die Erinnerung an den Ekel war einige Zeit noch stärker als das Gefallen, das mir meine Zunge signalisierte.)
  • Fett am Fleisch (Dazu gab’s hier schon mal längere Ausführungen.)
  • Bananen (Immer noch eher ein „Nein, danke“. Hat vermutlich eher was mit der Konsistenz zu tun, denn Bananenchips und sogar die zuckersüßen, wie schrumplige Zombiefinger aussehenden getrockneten Bananen esse ich.)
  • Innereien (Okay, hier gibt es bei mir immer noch reichlich Potenzial für inneres Wachstum. Haha.)
  • Und: Dicke Bohnen.
Dicke Bohnen, gehäutet

Was von einem Kilo Bohnen übrig blieb

Tja, und diese Dicken Bohnen sind nun der Beweis dafür, dass nicht jeder geschmackliche Sinneswandel etwas mit innerer Einstellung zu tun hat. Denn erst Vincent Klink hat mir mit einem Rezept aus Meine mediterrane Küche* zu der Erkenntnis verholfen, dass Dicke Bohnen keineswegs so schmecken müssen, wie eine städtische Unterführung in der Nähe einer beliebten Kneipe riecht. Der Trick liegt darin, die Bohnenkerne von ihrer ledrigen Haut zu befreien. Übrig bleiben kleine Schönheiten, strahlend grün und nussig-frisch schmeckend, die nichts zu tun haben mit den grüngrauen, schrumpligen und übelriechenden Dingern in Mehlpampsauce, die ich kannte.

Dicke Bohnen häuten

Dicke Bohnen zu häuten dauert. Und dauert. Aber weil es das Gemüse überhaupt erst essbar macht, lohnt es sich unbedingt!

(Wie es überhaupt dazu kam, dass ich dieses Rezept ausprobiert habe? Ich hatte am Telefon zugesagt, es zu kochen, als ich nur den Rezeptnamen kannte. „Fettuccine mit Mandeln und Bohnen“ klang lecker, fand ich. Wie sollte ich auch ahnen, dass es sich dabei um die verabscheuten Dicken Bohnen handelte? Manchmal bringen einen auch Missverständnisse im Leben weiter.)

Der einzige Nachteil daran ist, dass diese Prozedur etwas länger dauert. Was einfach bedeutet, dass Dicke Bohnen während ihrer kurzen Saison halt dem Wochenende vorbehalten bleiben. Fein genug sind sie durchaus, wie dieses Sonntagsgericht beweist. Die Inspiration dazu kam aus zwei Quellen: Klinks initialzündendes Bohnenrezept hat mir nicht nur den grundsätzlichen Umgang mit diesem Gemüse gezeigt, sondern auch, dass es sich ganz wunderbar mit Safran kombinieren lässt. Und bei Tim von (dem im Deutschen unglücklich klingenden, aber immer wieder inspirierenden Blog) Lottie + Doof bin ich auf die Idee gestoßen, Nudeln in reichlich aromatischer Flüssigkeit einfach quellen zu lassen. Ein bisschen wie Risotto.

Safran-Linguine mit Dicken Bohnen

Bei dieser Garmethode wird nichts von der aromatischen Flüssigkeit weggegossen. Man schmeckt’s!

Heraus kam – voilà! – unsere wunderbare Sonntagspasta. Geht hin und kauft Bohnen! Die Saison ist kurz und dieses Gericht toll. Falls man Dicke Bohnen mag jedenfalls. Und falls ihr sie bisher nur mit Lederhaut kanntet und nicht mochtet, dann probiert ein Löffelchen von dieser Version und schaut, ob sich nicht vielleicht auf wundersame Weise euer Geschmack geändert hat.

Was für Essensabneigungen haben sich denn bei euch in der Vergangenheit buchstäblich in Wohlgefallen aufgelöst?

Safran-Linguine mit Dicken Bohnen
Quelle: 
Zubereitungszeit: 
Garzeit: 
Zeitbedarf gesamt: 
Portionen: 2-4
 
Zutaten
  • 1 kg Dicke Bohnen (ergibt 260 g Bohnenkerne)
  • 2 Schalotten
  • 2 fleischige Tomaten
  • 2 EL Butter
  • 1 Briefchen Safran (nach Belieben auch mehr)
  • 350 g Spaghetti oder Linguine
  • Salz und Pfeffer
  • 1 Handvoll Basilikumblättchen
  • 1 EL frisch geriebener Parmesan
  • Parmesan zum Bestreuen
Anleitung
  1. Die Dicken Bohnen aus den Schoten palen. Die Kerne in sprudelnd kochendem Wasser 5 Min. kochen, in ein Sieb abgießen und kalt abschrecken. Mit einem spitzen Messer die ledrigen Häutchen anritzen und die leuchtend grünen Bohnenkerne herausdrücken.
  2. Die Schalotten schälen und fein würfeln. Die Tomaten waschen, den Stielansatz entfernen und das Fruchtfleisch in Würfel schneiden. (Perfektionisten häuten die Tomaten natürlich vorher, was ich mir gespart habe, weil ich die stark gerippten Vierländer Platten hatte und meine Geduld schon für die Bohnen brauchte.)
  3. EL Butter in einer Pfanne erhitzen, die groß genug ist, dass die ungekochten Nudeln später darin liegen können. Bei kleiner bis mittlerer Hitze die Schalottenwürfel darin 3 Min. andünsten, die Tomatenwürfel zugeben und kurz mitdünsten.
  4. Die rohen Nudeln, den Safran und 1 l Wasser in die Pfanne geben. Alles salzen, pfeffern und zugedeckt aufkochen. Den Deckel abnehmen und die Nudeln bei starker Hitze 8-10 Min. kochen lassen, dabei häufig umrühren. 5 Min. vor Ende der Garzeit die Bohnenkerne zugeben.
  5. Inzwischen die Basilikumblättchen nach Belieben abspülen und in Streifen schneiden. Sobald die Nudeln gar sind und die gesamte Flüssigkeit aufgesaugt haben, das Basilikum, den übrigen Esslöffel Butter und den Esslöffel Parmesan unterrühren.
  6. Die Pasta auf Teller verteilen und mit Parmesan bestreuen.
Anmerkungen
Allein 45 Min. Vorbereitungszeit gehen auf das Konto der Dicken Bohnen. Der Rest ist schnell gemacht.
Die Nudel- und Wassermenge habe ich von Lottie + Doof übernommen, einen Blick daraufgeworfen und gedacht: "Passt!" Es war für uns zwei eine ordentliche Portion. Erst später habe ich noch mal genauer hingeschaut und festgestellt, dass Tim dieses Gericht für vier vorgesehen hat. Uups! Daher die schwammige Portionsangabe. Ihr könnt euren Appetit vermutlich selbst am besten einschätzen.

 

 

6 Gedanken zu “Sonntags-Safran-Luxus: Linguine mit Dicken Bohnen

  1. Chawwa

    Bei mir waren’s Innereien, die ich erst „mochte“, als ich sie selber zubereitet habe. Meine Mutter huldigte der Vorstellung, irgendwelche giftige Ablagerungen in Nieren und Leber durch langes Kochen oder Braten unschädlich machen zu können. Entsprechend schmeckten ihre gebratene Leber wie Schuhsohle und ihre Nierchen wie Pappschnitzelchen. Die Initialzündung zur anderen Zubereitung erhielt ich beim Schüleraustausch in Reims, wo mir Mme Hées ein gebratenes Stück Kalbsleber vorsetzte, während die Familie gelbe Hühnerbeine (!) abfrinselte, ein Gericht, was sie für mich als zu speziell erachtete. Sie ahnte allerdings nicht, dass Leber für mich auch sehr „speziell“ war. Wenn ich nicht zur Höflichkeit erzogen worden wäre, hätte ich niemals den absolut köstlichen Geschmack von zart rosa gebratener Kalbsleber kennengelernt! So viel zum Nutzen von Erziehung, wie Du ja auch mit der „Ein-Löffelchen-Regel“ dargestellt hast.

  2. Anette

    Ich hab auch so meine Abneigungen, die ich inzwischen überwunden habe. Ganz wichtig: Sülze. Fand ich früher wirklich bah. Inzwischen finde ich es – gerade im Sommer – super, und in Bayern gibt’s meist auch gute, nicht aus dem Glas oder so (immer noch: ganz eklig). Und wenn es dreißig Grad sind, mag ich doch lieber eine säuerliche Sülze als einen Schweinsbraten. :-D
    Ich glaube, Innereien (jenseits von Leber, die ist – gut gemacht – okay) werden nicht wirklich mein Freund. Ich hab so ein Nierchen-Trauma, das werde ich einfach nicht los.
    Weniger eine Abneigung mit Ekel und so als eine grundsätzliche Lebenseinstellung (aber auch schon von Kindesbeinen an, schwer zu überwinden): Süße Hauptmahlzeiten. Gehen gar nicht. Zum Sattessen muss es etwas Herzhaftes sein (dabei bin ich sonst süßen Dingen wirklich nicht abgeneigt). Bei manchen süßen Gerichten hat das dann zur Folge, dass ich halt eine doppelte Mahlzeit zu mir nehme. Erst was „Ordentliches“, und dann noch ne Dampfnudel hinterher. Oder Kaiserschmarrn. Oder Milchreis.
    Ja. So ist das bei mir.

  3. Eva

    Lustig, das Bohnepahlen habe ich auch von Klink. :-) Und das mit dem immer wieder probieren stimmt. Meine *schüttel*-Liste ist inzwischen auch recht übersschaubar. Ganz lange ging frischer Koriander gar nicht, aber seit einem halben Jahr könnte ich mich dich wälzen.
    Die Nudeln das ganze Wasser aufnehmen zu lassen, ist eine interessante Idee. Das ist dann tatsächlich komplett wech?

  4. Sabine Schlimm Artikel Autor

    @ Chawwa: Stimmt, die Sache mit der Höflichkeit kenne ich auch. Ich glaube, so habe ich angefangen, Tee zu trinken – zum ersten Mal wurde er mir bei Bekannten der Familie angeboten. Ich fand ihn furchtbar bitter – und mich gleichzeitig sehr erwachsen. ;-)
    @ Anette: Sülze – jaaa! Auch bei mir ein acquired taste. Aber bei der muss ich auch immer noch wissen, dass sie aus vernünftigem Fleisch selbst gemacht ist. Ich kann sehr gut verstehen, dass die aus dem Glas bei Dir gar nicht geht!
    @ Eva: Ja, das Wasser ist weg, aber die Nudeln sind natürlich feuchter, „schlotziger“ als gewohnt, und das Ziel ist auch nicht eine wirklich bissfeste Pasta. Ich habe mir allerdings gedacht, dass man die Wasssermenge an die Garzeit der Nudeln anpassen müsste. Wenn sie sehr dünn sind, tut man vermutlich gut daran, weniger Flüssigkeit zu nehmen, sonst werden sie arg matschig.

    1. Eva

      Danke. Ich konnte mir das irgendwie nicht vorstellen – 350g Nudeln : 1l Wasser. Wird wie gesagt getestet und der Reisnudelpost kommt auch bald. ;-)

  5. Pingback: Grüne Panzanella: Brotsalat mit Dicken Bohnen einfach selbst machen

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