Zusammen kochen schafft Verbindung: Interview mit Biggi Mestmäcker

Wenn Menschen zusammen essen, wenn sie miteinander kochen, statt übereinander zu reden, dann lernen sie sich auf entspannte Weise kennen, und aus Fremden werden vielleicht sogar Freunde. Die Organisation Über den Tellerrand bringt seit 2015 Geflüchtete und schon lange in Deutschland Lebende zum gemeinsamen Kochen und Essen zusammen. Gedeckter Tisch statt grüner Tisch – eine großartige Idee, finde ich.

Fast von Anfang an dabei war meine Kollegin Biggi Mestmäcker. Ich kenne die Texterin und Marketingfachfrau als eine Frau, die nicht lange herumredet, sondern lieber anpackt. Vor allem, wenn es darum geht, Menschen zusammenzubringen; sei es in unserem gemeinsamen Netzwerk Texttreff, sei es in der Hilfe für Geflüchtete an ihrem niederrheinischen Wohnort, sei es als Gastmutter für Austauschschüler_innen aus weit entfernten Ländern.

Normalerweise macht sie um all das keine großen Worte. Umso mehr freue ich mich, dass Biggi mir meine Fragen zum kochenden Kulturaustausch beantwortet hat!

Porträt Biggi Mestmäcker

Foto: Isabella Raupold

Biggi, du engagierst dich seit anderthalb Jahren bei Über den Tellerrand. Erklär doch mal: Was macht ihr da?

Das Prinzip des Über-den-Tellerrand-Kochens ist einfach: Wir organisieren sogenannte Kochevents, die es Beheimateten und Geflüchteten erleichtern sollen, miteinander in Kontakt zu kommen, Vorurteile abzubauen, Unsicherheiten zu überwinden und sich idealerweise anzufreunden. Gekocht wird im privaten Rahmen und pro Quartal auch einmal im öffentlichen Raum. Wir fragen Geflüchtete, ob sie für uns ein Menü aus ihrem Heimatland kochen möchten und ernennen sie oder ihn zum Chefkoch oder zur -köchin. Der Chefkoch stellt das Menu zusammen. Am Tag vor dem Event fahren wir gemeinsam einkaufen in den Geschäften, die der Chefkoch vorschlägt. Beim großen Event legen wir die Kosten auf die Teilnehmer um, bei privaten Events entscheidet der Gastgeber, ob er selbst bezahlt oder die Summe unter seinen Gästen aufteilt. Beim Event selbst sagt der Chefkoch, was zu tun ist, und verteilt die Aufgaben. Alle gemeinsam schnippeln, schneiden, bereiten vor. Und am Schluss wird natürlich gemeinsam gegessen.

Warum ausgerechnet kochen? Was macht es so geeignet, um in Kontakt zu kommen?

Weil Essen etwas ist, das uns alle verbindet. Wo auch immer man herkommt – gegessen wird überall. Und über Essen lässt sich auch leicht sprechen. Es gibt dieses schöne Sprichwort: Liebe geht durch den Magen. Und das gilt auch für Nächstenliebe. :-)

Kochst du selbst gerne?

Ja, wenn ich Zeit und Muße habe, koche ich gern. Im Alltag ist es manchmal allerdings lästig, dass man immer zuerst kochen muss, bevor man etwas Warmes essen kann. ;-)

Was für Länderküchen wurden denn bisher bei den Kochabenden ausprobiert?

Wir haben bisher bereits die Küchen aus Syrien, dem Libanon, Aserbaidschan, Albanien, Nigeria, Somalia und dem Iran kennengelernt. Ausführliche Berichte mit vielen Fotos von unseren Kochevents haben wir auf der Website des Asylkreises Schwalmtal gesammelt.

Zimthähnchen mit Reis

Zimthähnchen. Foto: Biggi Mestmäcker

Gab es beim gemeinsamen Kochen Momente, an denen deutliche kulturelle Unterschiede zutage traten, in den Geschmacksvorlieben zum Beispiel?

Oh ja, vor allem beim nigerianischen Kochen waren die besonders groß. Gekocht wurde Peppersoup – ein traditioneller nigerianischer Fleischeintopf, der höllenscharf war. Der Koch hatte uns versichert, dass er mit Rücksicht auf die deutschen Geschmacksnerven schonend würzen würde, aber es lief uns trotzdem allen ziemlich der Schweiß beim Essen. Auch die Kombination der Zutaten war gewöhnungsbedürftig: Fleisch, Stockfisch, Hähnchenherzen und -mägen. Wir waren froh, dass man hierzulande nicht so leicht an Rinderluftröhren kommt, die landen nämlich auch schon mal in der Peppersoup, wie man in einem Kochvideo bei Youtube sehen kann.

Und andersherum: Gab es Augenblicke, in denen kulturelle Unterschiede durch das gemeinsame Tun überbrückt werden konnten?

Davon gab es eine ganze Menge. Beim gemeinsamen Vorbereiten kommt man sich einfach näher und kann kulturelle Unterschiede sehr viel leichter auch einfach direkt ansprechen: Ach, ihr esst das nicht mit Messer und Gabel, sondern nehmt das Essen mit einem Stück Brot auf? Ihr kocht immer so viel, dass am Ende etwas übrig bleibt, weil ihr denkt, es war nicht genug, wenn alles aufgegessen wird? Wie ist das im Ramadan? Hat man da nicht den ganzen Tag über Hunger? Solche und alle anderen Fragen lassen sich sehr viel leichter stellen, wenn man gemeinsam am Tisch sitzt und Petersilie fein hackt oder Tomaten würfelt.

Gemeinsam kochen beim Kochevent

Gemeinsam kochen. Foto: Karin Poltoraczyk, www.czyk-foto.de

Wann immer es um Flüchtlinge geht, heißt es, die Neuankömmlinge müssten hier vor allem sehr viel lernen. Bei „Über den Tellerrand kochen“ funktioniert es ausdrücklich auch andersherum: Geflüchtete geben ihr Können weiter. Was hast du bisher von ihnen gelernt?

Ich habe natürlich viele neue und tolle Rezepte kennengelernt. Aber auch, wie man mit wenigen Mitteln das Essen wunderbar dekorieren und so den Appetit noch mehr anregen kann. Aber ich habe auch andere Dinge gelernt – zum Beispiel Gelassenheit. Wenn man mitbekommt, wie Menschen, die Furchtbares erlebt haben oder die immer noch um ihre Angehörigen bangen, weil sie noch im Kriegsgebiet sind, trotzdem mit uns kochen, dabei lachen und fröhlich sind, dann werden die eigenen Sorgen ganz klein. Ich habe durch das Über-den-Tellerrand-Kochen viele Menschen kennengelernt und auch viele neue Freunde gefunden.

Einer meiner ersten Kontakte ist heute mein bester Freund. Seine Familie und meine Familie empfinden sich heute als eine Familie. Wie es dazu kommen konnte und welch unglaubliche Geschichte sich für uns im vergangenen Jahr ereignet hat, hab ich aufgeschrieben und in einem zweisprachigen Buch veröffentlicht: Wir sehen alle denselben Mond.

Gibt es Gerichte, die du vorher noch nicht kanntest und jetzt nicht mehr missen möchtest?

Tabouleh! Syrischer Petersiliensalat. TOTAL lecker und quietschgesund. :-)

Tabouleh, arabischer Petersiliensalat

Tabouleh. Foto: Karin Poltoraczyk, www.czyk-foto.de

Vielen Dank, liebe Biggi!

In dem Buch Wir sehen alle denselben Mond hat Biggi Mestmäcker die Geschichte aufgeschrieben, wie eine durch Krieg und Flucht zerrissene Familie schließlich doch wieder in Deutschland zusammenfand. Viel Engagement, hohe Frustrationstoleranz und noch mehr Geduld waren nötig, bis sich die lange Getrennten endlich wieder in die Arme schließen konnten. Eine Geschichte, die Hoffnung macht!

Buchcover Wir sehen alle denselben MondBiggi Mestmäcker
Wir sehen alle denselben Mond
Tredition Verlag, 256 Seiten
Hardcover: 22,90 €
Paperback: 12,90 €
E-Book, alle gängigen Formate: 4,99 €
Erhältlich überall im Buchhandel oder direkt beim Verlag

4 Gedanken zu “Zusammen kochen schafft Verbindung: Interview mit Biggi Mestmäcker

    1. Sabine Schlimm Artikel Autor

      Dann muss ich nach meinem Urlaub mal gucken, ob ich das besorgen kann. Ich schieße die ja immer so aus der Hüfte, aber vielleicht ist das ein Fehler … Für die nächsten Wochen verabschiede ich mich allerdings erst einmal: Die Fahrradtaschen sind gepackt!

  1. Ina

    Hmmm, das nächste Hähnchen wird ein Zimthähnchen, das steht schon mal fest. Danke für das tolle Interview und den Buchtipp! Sofort bestellt. Nicht nur kulinarisch eine Bereicherung.

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