Very … äh, Scottish: Cranachan

Cranachan

Ich bin eine Fremdhymnenmitsummerin. Nationalgefühle für mein Geburtsland entwickle ich noch nicht einmal angesichts allgemeiner Fähnchenschwingerei zu fußballverrückten Sommermärchenzeiten. Höre ich dagegen bei den “Last Night of the Proms”-Übertragungen die ersten Takte von Elgars Pomp and Circumstance March No. 1 (“Land of Hope and Glory”), stehen mir schon die Rührungstränen in den Augen, und bei “Rule, Britannia” dirigiere ich innerlich mit wie Opa Hoppenstedt bei seinen Lieblingsmärschen. Dass ich also bei FoodFreaks Blogevent “Very British” mitmachen würde, war klar.

Als ich aber für diesen Blogartikel über die britische Proms-Nationalseligkeit nachdachte, fiel mir wieder ein, dass ich andererseits beim Absingen der diversen offiziellen wie inoffiziellen englischen Hymnen innerlich neben mir stehe, mir zusehe und denke: “Hä? Bekloppt geworden?” Denn ich kann schließlich nicht so tun, als wüsste ich nicht, was ich da so von mir gebe:

Land of Hope and Glory,
[…]
Wider still and wider
Shall thy bounds be set;
God, who made thee mighty,
Make thee mightier yet.

Oder auch:

Rule, Britannia, Britannia rule the waves!

Alleinherrschaft auf See und anderswo? Ungebremster Expansions- und Machtdrang? Sorry, das möchte ich eigentlich für kein Land auf dieser Welt unterschreiben. Werden diese nationalistischen Töne besser, wenn man sie auf zugegebenermaßen hübsche Melodien singt?

Wie es der Zufall will, widme ich allerdings ohnehin jeden Donnerstag Zeit, Atem und Stimme einem allerliebsten Stück nationalistischer Propagandamusik: Im Chor proben wir nämlich derzeit Henry Purcells barocke Semi-Oper King Arthur für unser Konzert am 10. November in der Laeiszhalle (wen’s interessiert: Karten gibt’s bereits hier). Dieses Spektakel mit Säbelrasseln und Liebesschmacht, Irrlichtern und allerlei allegorischem Personal (Libretto: John Dryden) macht ungeheuer viel Spaß ‒ nicht nur beim Singen, sondern auch beim Zuhören. Und so war es auch gedacht: Mithilfe von reichlich Herzschmerz und Action wird der sagenumwobene König Artus als The British Worthy (so der Untertitel), also als Held und Verkörperung aller britischen Tugenden präsentiert.

Gegen Ende der Oper singt Venus:

Fairest Isle, all isles excelling,
Seat of pleasure and of love,
Venus here will choose her dwelling,
And forsake her Cyprian grove.
Cupid from his fav’rite nation
Care and envy will remove;
Jealousy that poisons passion,
And despair that dies for love.

 

Schöne Insel, die du alle anderen übertriffst,
Sitz der Freuden und der Liebe,
auf dir wird Venus Wohnung nehmen
und dafür ihren zyprischen Haine verlassen.
Cupido wird seiner Lieblingsnation
alle Sorgen und allen Neid nehmen,
auch die Eifersucht, welche die Leidenschaft vergiftet,
und die Verzweiflung, die für die Liebe stirbt.

Hier klingt an, dass auf der schönsten aller Inseln zur Zeit der Opern-Erstaufführung 1691 alles andere als Friede, Freude und Eierkuchen herrschen: Da gibt es nämlich Schottland, das sich keineswegs sang- und klanglos dem mächtigen englischen Nachbarn angliedern lassen möchte. Ein Jahr, nachdem auf Londoner Bühnen zum Beifall des Hofes die größere der britischen Inseln als Wohnsitz der Liebesgöttin gepriesen wird, statuiert man beim Massaker von Glencoe ein Exempel am schottischen Clan der MacDonalds, die den Treueeid auf den englischen König hinausgezögert hatten. Fairest Isle, indeed.

himbeeren

So. Zurück zur Last Night of the Proms. Mein kulinarischer Beitrag soll daran erinnern, dass “very British” nicht automatisch heißt “very English”, sondern dass es da auf der Insel noch mehr gibt. Allerdings muss ich zugeben, dass ich auf das schottische Dessertrezept Cranachan erstmals kürzlich beim Übersetzen eines sehr englischen Kochbuchs* gestoßen bin. Dort wurde eine Abwandlung des Originals präsentiert; mein unten stehendes Rezept orientiert sich in erster Linie an dem von Nigel Slater (ja, auch ein Engländer).

Zutaten und Anleitung lesen sich schlicht, und ich war beim Ausprobieren sehr gespannt auf das Ergebnis. Und das ist wirklich, wirklich fein. Man könnte sagen, das hier ist die erwachsene Version der Himbeer-Sahne-Baiser-Mischung Eton Mess. Ich habe übrigens zwei Whiskysorten zum Aromatisieren der Sahne ausprobiert und fand den etwas rauchigeren Lagavulin im Ergebnis interessanter als den milderen Cragganmore. Das kann aber auch daran liegen, dass ich die rauchigeren Sorten lieber trinke. (In welchem Ausmaß ich das gewöhnlich tue, seht ihr daran, dass die 0,2-Liter-Probierfläschchen, die ich dafür herausgekramt habe, noch aus unserem Schottlandurlaub 2009 stammen.)

whisky

Also: Wenn ihr Whisky mögt, dann probiert dieses Rezept auf jeden Fall mal aus! Und wenn ihr dann euren Löffel in dem wunderbar geschichteten Sahnedessert versenkt, dann schaut euch doch nebenher mal das folgende Filmchen an. Lustigerweise gibt es nämlich zwischen all dem Nationalgetöne in Purcells King Arthur auch ein Antikriegslied der lustigen Hirten, die sich nicht um die Pauken und Trompeten des Kriegs, um Helden- und Britentum scheren, sondern tändeln, tanzen und musizieren:

How blest are shepherds, how happy their lasses,
While drums and trumpets are sounding alarms!
Over our lowly sheds all the storm passes,
And when we die ’tis in each other’s arms,
All the day on our herds and flocks employing,
All the night on our flutes and in enjoying.

 

Welches Glück haben die Hirten und ihre Mädel,
wenn anderswo Pauken und Trompeten zum Kampf rufen!
Über die Dächer unserer bescheidenen Hütten fegt der Sturm hinweg,
und wenn wir schon sterben müssen, dann in inniger Umarmung.
Tagsüber sind wir mit unseren Schafherden beschäftigt,
die ganze Nacht widmen wir der Flöte und dem Vergnügen.

 

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Das wäre es doch auch mal wert, bei der Last Night of the Proms gespielt zu werden, oder?

Cranachan
Quelle: 
Zubereitungszeit: 
Garzeit: 
Zeitbedarf gesamt: 
Portionen: 2
 
Zutaten
  • 40 g Haferflocken
  • 1 TL Zucker
  • 100 g Himbeeren
  • 200 ml Sahne
  • 1 EL Honig
  • 1 EL Whisky
Anleitung
  1. Die Haferflocken in einer Pfanne ohne Fett bei mittlerer Hitze anrösten, bis sie braun werden und zu duften anfangen. Den Zucker zugeben und unter Rühren schmelzen lassen. Die karamellisierten Haferflocken auf einem Teller ausbreiten und abkühlen lassen.
  2. Die Himbeeren gründlich verlesen, nur falls nötig kurz und vorsichtig in kaltem, stehendem Wasser waschen und gut abtropfen lassen. Zwei schöne Exemplare beiseitelegen.
  3. Die Sahne steif schlagen. Erst den Honig, dann den Whisky unterrühren. Die Hälfte der Himbeeren zugeben und mit einer Gabel in der Sahnemischung zerdrücken. Zum Schluss die abgekühlten Haferflocken bis auf 1 EL unterheben.
  4. Die Hälfte der Haferflockensahne auf zwei Gläser verteilen, die Himbeeren (bis auf die zwei beiseitegelegten) darauf verteilen und mit der übrigen Haferflockensahne bedecken. Die übrigen Haferflocken darüberstreuen und auf jedes Dessert eine Himbeere setzen.
  5. Den Cranachan sofort servieren.

 

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