Leben und Essen in Extremen: vegane Spitzensportler

Gerade sitze ich (ja, Wochenend-Endspurt) parallel an zwei Projekten: einerseits an der Übersetzung der Lebensgeschichte eines veganen Ultramarathonläufers*, andererseits am Lektorat eines veganen Genusskochbuchs. Zweimal dreht sich viel um veganes Essen, aber wo es im einen Fall um Genuss, um das kreative Jonglieren mit pflanzlichen Zutaten geht, tippe ich im anderen Fall ständig Begriffe wie “proteinreich”, “gesund” oder “Treibstoff für harte Trainingsläufe” in den Computer.

Ich wusste bereits, dass es so was wie eine vegane Läuferszene gibt. Heute ging mir aber zusätzlich (ja, beim Prokrastinieren auf Twitter) eine Liste von Sportlerinnen und Sportlern ins Netz, die sich rein pflanzlich ernähren. Beim Durchklicken schoss mir sofort durch den Kopf: Warum? Warum vegan? Warum so stark ausgerechnet in dieser Gruppe? Was bedeuten Essen und Ernährung für diese Sportlerinnen und Sportler? Was gibt ihnen der Veganismus?

Ultralaeufer

Ultraläufer. Bild: by Robeter at en.wikipedia [Public domain], from Wikimedia Commons

Diese Fragen finde ich deshalb so interessant, weil sie meiner Meinung nach viel mit Identität und Gefühlen beim Essen zu tun haben. Als Nicht-Veganerin und Alles-andere-als-Sportlerin kann ich sie nur vollkommen unzureichend beantworten. Aber ein paar Gedanken sind mir bei der Beschäftigung mit dem Thema schon gekommen.

1. Für Sportler hat Ernährung zentrale Bedeutung.

Klar, Trainingsplan ohne Ernährungsplan geht wahrscheinlich nicht. Schließlich versucht man beim Spitzensport, das Optimale aus seinem Körper herauszuholen. Da muss man auch gut überlegen, was man ihm zuführt, damit er diese Leistungen bringen kann. Wenn also die gesunde Ernährung ohnehin im Fokus steht, dann ist es nur natürlich, sich ständig nach der noch gesünderen, noch besseren umzusehen.

“Mein” Ultramarathoni Scott Jurek, mit dessen Buch ich die letzten Wochen verbracht habe, scheint bei seiner Umstellung auf vegane Ernährung in allererster Linie von dem Gedanken getrieben worden zu sein, noch leistungsfähiger und schneller zu werden. Seine Erfahrung zeigte ihm, dass das mit rein pflanzlicher Kost möglich ist ‒ also blieb er dabei. Zwischendurch probierte er sogar vegane Rohkost aus, gab das Experiment allerdings wieder auf: Zwar tat es seinem Körper (seiner Aussage nach) tatsächlich gut, aber er brauchte zu viel Zeit zum Kauen. Die Fähigkeit, schnell und beim Laufen zu essen, kann in seinem Sport entscheidend sein, wie ich gelernt habe.

2. Sportlerinnen und Sportler gehen weiter als andere Menschen.

Das scheint klar: Wer keinen extremen Ehrgeiz und Siegeswillen hat, wird im Sport nicht weit kommen. Mir fällt aber auf, dass in der oben verlinkten Liste viele Sportarten vertreten sind, die ich als hart oder sogar extrem bezeichnen würden: natürlich das Ultralaufen (also über längere Distanzen als beim Marathon, manchmal über 100, 200 Kiilometer), aber auch Radsport oder Bodybuilding, also eine Körperoptimierung, die weit über das hinausgeht, was viele Menschen noch nachvollziehen können. Auch in der Ernährung einen Schritt weiterzugehen als andere, scheint da zu passen.

3. Wer Spitzensport macht, hat gelernt, hart zu sich zu sein.

Ein Sportler, eine Sportlerin muss lernen, in gewissem Maß die Bedürfnisse des Körpers zu unterdrücken: Faul sein gilt nicht, nicht trainieren gilt nicht, vor Schmerzen zurückschrecken gilt nicht. Damit will ich nicht behaupten, dass vegane Ernährung (oder auch Sport) etwa nur mit Entbehrung und Verzicht zu tun hat. Aber von außen stellt es sich durchaus manchmal so dar. Es gibt nicht wenige Menschen, die den Tierethik- oder Umweltschutzgründen, die für Veganismus vorgebracht werden, durchaus etwas abgewinnen, sich aber den kompletten Verzicht auf Fleisch und Käse nicht vorstellen können. Verzicht ist sicher etwas, das Menschen im Spitzensport gründlich eingeübt haben. Vielleicht fällt es ihnen daher leichter, dem Appetit auf Steak oder den Jieper nach Sahnetorte nicht nachzugeben, weil es gute Gründe gibt, beides nicht zu essen.

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4.Wer vegan lebt, hebt sich von der Masse ab.

In der erwähnten Liste sind Einzelsportler deutlich stärker vertreten als Mannschaftssportler. Keine Ahnung, ob das Zufall ist ‒ mir kommt es jedenfalls folgerichtig vor. Diese Menschen führen ohnehin ein herausgehobenes Leben. Dazu muss man bestimmt auch der Typ sein, jemand, dem es darauf ankommt, seinen individuellen Weg zu gehen. Oder man wird dazu. Beim Essen ist die Entscheidung für Veganismus bestimmt ebenfalls ein Weg, sich von der Masse abzuheben. Was da Henne und was Ei ist, vermag ich nicht zu entscheiden.

5. Vielleicht spielt auch der Wunsch mit, es allen zu beweisen.

Etwas beweisen müssen Sportlerinnen und Sportler natürlich ohnehin bei jedem Wettkampf: dass sie gut sind, dass sie besser sind, dass sie die Besten sind. Vielleicht setzt sich diese Haltung beim Essen fort. Wer in der sportlichen Spitzenklasse mitspielt und die vegane Ernährung ausprobiert, dürfte darauf häufig angesprochen werden ‒ und bestimmt oft kritisch. “Geht das überhaupt?” “Der Körper braucht doch tierisches Eiweiß!” “Wie kannst du!” Ich vermute, dass es einen gewissen verstärkenden Effekt hat, wenn man sich ständig für etwas rechtfertigen muss. Erstens, weil man Druck aufbaut, den öffentlich verkündeten Grundsätzen auch gerecht zu werden. Zweitens aber auch, weil bestimmt die Versuchung groß ist, es allen Zweiflern zu beweisen: dass das geht, körperliche Höchstleistungen zu erbringen, ohne tierische Lebensmittel zu sich zu nehmen.

“Man ist, was man isst.” In gewisser Weise treiben diese Menschen sowohl Lebensstil als auch Ernährung auf die Spitze. Essen wird hier noch deutlicher Ausdruck der Identität als bei anderen Leuten, wie mir vorkommt.

Wie seht ihr das? Habt ihr noch andere Begründungen? Kennt ihr noch andere Gruppen, in denen vegan lebende Menschen besonders stark vertreten sind? Ich freue mich, wenn ihr in den Kommentaren eure Meinung hinterlasst. Ach ja, und bitte: kein allgemeines Veganer-Bashing, ja?

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2 Gedanken zu “Leben und Essen in Extremen: vegane Spitzensportler

  1. Peter Postel

    Was man erstmal aus all diesen Fakten entnehmen kann ist wohl die Tatsache, dass heutzutage ein gesunder, ausdauernder, starker und extrem leistungsfähiger Mensch sich nicht von toten Tieren ernähren muss, wie das noch während der Eiszeit unbestritten der Fall war, sondern einer ethischen Evolution folgen darf:
    dem heilsamen gärtnerischen Wandeln auf der Erde und die Entwicklung der Liebe zur belebten Natur.
    Nun sind die einzelnen Menschen, was die über den Trieben liegende geistige Entwicklung anbelangt, recht verschieden, und so wird das Thema so lange hauptsächlich eine einfache Geschmacks- und Erziehungsfrage bleiben, bis die geistige Stärke (Ethik) oder die klimabedingte Notwendigkeit (Wissenschaft) diese Frage beendet. Aber ein paar Jährchen dürften da noch vergehen …

    1. Sabine Schlimm Artikel Autor

      Das stimmt, ein paar Jahre wird der Wandel noch dauern. Aber es mehren sich die Prognosen, dass in absehbarer Zeit das Töten von Tieren für den Genuss genauso verpönt sein wird wie jetzt das Rauchen. Für mich ist eine entscheidende Frage dabei, ob es gelingen wird, ohne Tiere in der Landwirtschaft auf Dauer die Fruchtbarkeit der Böden ohne Kunstdünger zu gewährleisten. Aber ich bin gespannt, wie sich das entwickelt.

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