Interview: Brasilianisch-deutsche Heimwehküche

Meine Heimwehküchen-Interviewreihe hatte lange Pause – leider! Ich bin einfach nicht dazu gekommen, die bereits geführten Interviews auszuarbeiten. Aber jetzt, zur WM – Brasilien … Ihr versteht? Dass dieses Interview so lange gebraucht hat, um aufs Blog zu kommen, ist umso unverzeihlicher, als ich von meiner Interviewpartnerin Sandra Jurema Kielmann sogar extra bekocht wurde!

Kurz zur Erinnerung, worum es in dieser Reihe geht: Manche Gerichte gehören einfach so selbstverständlich zu unserem Leben, dass wir darüber kaum nachdenken – geschweige denn in uns hineinhorchen, was wir emotional mit ihnen verbinden. Was aber, wenn dieses Selbstverständliche gar nicht mehr selbstverständlich ist? Weil sich die Lebensumstände geändert haben zum Beispiel? Ich befrage Menschen, die aus dem Land ihrer Kindheit weggezogen sind, nach Essgewohnheiten, Lieblingsgerichten und einem Heimwehgefühl, das sich am Geschmack von früher festmacht.

Porträt Sandra Jurema Kielmann

Sandra Jurema Kielmann wurde als Tochter einer Brasilianerin und eines Deutschen in Deutschland geboren. Als sie sechs Jahre alt war, zog die Familie nach Brasilien. So wuchs Sandra in Belém auf, also am Amazonasdelta, mitten im Regenwald. 1994 kehrte sie allein nach Deutschland zurück, um an einem Internat ihr Abitur zu machen. Heute lebt wieder die ganze Familie in Deutschland. Sandra Jurema Kielmann arbeitet als freie Schlussredakteurin, Übersetzerin und Lektorin, hat aber – nicht mehr so ganz nebenher – zusammen mit ihrem Vater ein Buch-Magazin auf die Beine gestellt.

Als Du mit siebzehn nach Deutschland ins Internat kamst, war das ja eine ganz schöne Umstellung für Dich. Was hast Du denn an den deutschen Essgewohnheiten als besonders merkwürdig empfunden?

Meine Rückkehr nach Deutschland war ein echter Kulturschock – richtig schlimm. Das fing schon beim Frühstück an. Bis ich nach Deutschland kam, hatte ich fast nie Tee getrunken – höchstens mal, wenn ich krank war. Im Internat wurde Tee plötzlich jeden Tag zum Frühstück serviert, und ich war völlig irritiert, denn in Brasilien hatte ich morgens Kakao getrunken.

Was mich außerdem überraschte, war diese Menge an unterschiedlichen Brot- und Brötchensorten: Brötchen, Brötchen mit Mohn, Brötchen mit Sesam, dann diese supergesunden Vitaminbomben mit Hafer, außerdem Schwarzbrot, Graubrot, Zwiebelbrot und wer weiß was noch alles. Aber das, was ich zu Hause am liebsten gegessen hatte, nämlich Milchbrötchen – die gab’s nicht.

Und die Auswahl an Käse und Wurst hat mich völlig erschlagen. In Brasilien hatten wir im Grunde zwei Käsesorten, außerdem noch Kochschinken und Salami. Aber hier, diese ganzen Käsesorten, dazu Räucherschinken und alle möglichen Wurstsorten – und Sülze! Vor dieser Gelatine mit den kaum zu identifizierenden Stücken drin hat es mich echt gegruselt. Ich habe mich daher beim Frühstück sehr über Honig, Nutella und Marmelade gefreut.

Was mir bei den übrigen Mahlzeiten aufgefallen ist: Wie wenig Fleisch es gab! Ich war ja aus Brasilien an ziemliche Fleischmengen gewöhnt. Umgekehrt haben mich die Unmengen an Gemüse, die hier gegessen werden, anfangs total überfordert. Dazu gab es auch noch Kartoffeln als Hauptbeilage – die kannte ich wiederum als Gemüse wie alle anderen auch. Mit Kartoffeln kann man mich bis heute jagen!

Die deutschen Saucen, die ja sehr fettig sind, haben mir Magenprobleme verursacht. Nach einem klassischen Braten mit Kartoffeln, Rotkohl und Sauce war mit mir erst mal zwei, drei Stunden nichts anzufangen. Das klingt wahrscheinlich irritierend – alle sagen schließlich, die brasilianische Küche sei so schwer, weil so viel Palmöl und Kokosöl verwendet werden. Aber vermutlich hat es was damit zu tun, woran der Magen gewöhnt ist.

Ein ganz großer Schock war auch, als ich merkte, dass man hier Avocados salzig isst. Das ist natürlich jetzt nicht urdeutsch, sondern wohl eher der mexikanische Einfluss – trotzdem. Eine Freundin von mir hat sich einmal ein Brot geschmiert, Avocadoscheiben draufgelegt und mit Salz und Pfeffer bestreut – für mich war das total komisch, denn in Brasilien zermust man Avocados entweder mit Milchpulver und Zucker, oder man macht sich einen Shake. Aber Zucker und Milch sind immer dabei.

In Deutschland musste ich außerdem relativ bald feststellen, dass Krabben oder Garnelen totale Luxusprodukte waren, und Krebse gab es gar nicht. Dabei gehörten Meeresfrüchte für mich fest zum Wochenende! Wenn wir in Brasilien an den Strand gefahren waren, dann entweder auf eine Insel namens Mosqueiro im Amazonasdelta oder an den Atlantik. Im ersten Fall kauften wir uns an einem der vielen Stände direkt an der Brücke vom Festland Krabben. Die wurden mit einer Saftkaraffe literweise abgemessen und in Plastiktüten gefüllt. Damit fuhren wir an den Strand, um da unsere Krabben zu pulen, zu spielen und zu schwimmen.

Am Atlantik, der etwas weiter entfernt war, ging es an einen endlos langen Strand mit ganz feinem Pudersand. Man fuhr mit dem Auto direkt auf den Strand und musste dann immer im Rhythmus der Gezeiten vor- und zurückrollen. Dort kauften wir uns Krebse, entweder von einem der Verkäufer, die über den Strand liefen, oder an einer Bar, und dann saßen wir an unserem Klapptisch, haben mit einem Hammer auf den Krebs eingehauen und das Krebsfleisch ausgelöst.

Als ich dann in Deutschland lebte, habe ich mich sehr gefreut, als Ikea einmal im August ein großes Krebsessen veranstaltete. Als ich mit meinem Hammer dasaß , fühlte ich mich wie zu Hause.

Welches Essen warst Du denn aus Brasilien gewöhnt?

Brasilien ist ja groß, und zwischen Nord und Süd gibt es riesige Unterschiede. Aber ein Gericht ist inzwischen in ganz Brasilien verbreitet, und es wird wirklich von allen jeden einzelnen Tag gegessen: feijoada, also schwarze Bohnen mit Reis und Fleisch. Manche Leute essen dazu noch eine Art Grünkohl, aber den mag ich nicht. Auf jeden Fall gehört etwas Fruchtiges dazu, Orange oder Banane.

Feijoada: schwarze Bohnen mit Wurst und Fleisch, dazu Reis und Orange

Der Legende nach liegen die Ursprünge der feijoada in Afrika. In Brasilien war es das Essen der Sklaven, die kaum mehr als Bohnen und Reis hatten. Als Fleisch nahm man, was man billig kriegen konnte: Schweinefüße zum Beispiel. Heute wird feijoada in allen Schichten gegessen, und entsprechend kommt jetzt manchmal dünn geschnittenes Rindfleisch oder sogar Schweinefilet hinein. Dazu gehört eine würzige Wurst. Ich mache das Gericht gern mit Cabanossi und Kassler, weil ich es gerne salzig-deftig mag. Bei meinen brasilianischen Verwandten wird außer Wurst auch Dörrfleisch reingetan, aber das bekommt man hier halt kaum.

Wie man das Ganze dann würzt, unterscheidet sich wieder von Region zu Region. Bei uns im Norden würde man die Feijoada nicht scharf kochen, aber dafür gelbe, in Öl eingelegte Chilis (pimentinhas) dazu servieren. Dazu serviert man außerdem Maniokmehl (farofa/farinha de mandioca). Das gibt es in Brasilien zu allem – sogar Spaghetti bolognese werden damit bestreut.

Farofa oder Farinha de mandioca: Maniokmehl

Dein Vater ist ja Deutscher. Welche Einflüsse hatte das denn auf Eure Familienessgewohnheiten?

Mein Vater hat einige deutsche Gerichte mitgebracht: Königsberger Klopse waren immer der Renner. Meine Mutter hat versucht, meinem Vater den Übergang so leicht wie möglich zu machen, und sehr viel Deutsches gekocht. Sie hatte ja am Anfang der Ehe selbst acht Jahre lang in Deutschland gewohnt und sich in der Zeit einiges abgeguckt, auch von meiner Oma.

So hat sie Plätzchen und Stollen gebacken und überhaupt in unserer Familie die Adventszeit eingeführt: Es wurden Kerzen anzündet und Lieder gesungen.

Mein Vater liebt außerdem Käsetorte, aber in Brasilien gibt es keinen Quark. Also hat meine Mutter Milch gerinnen und in einem Tuch am Wasserhahn abtropfen lassen. Damit hat sie Käsetorte gebacken. So richtig original hat das zwar nicht geschmeckt, aber wenigstens hat es funktioniert.

Später haben meine Eltern ein deutsches Restaurant in Belém geführt, das hieß „Berlin“. Dort hat meine Mutter Gerichte wie Eisbein gekocht, es gab Platten mit Wurst und Sauerkraut und solche Dinge.

Was bedeutet denn für Dich dann eigentlich Heimatküche?

Es ist ja immer die Frage: Wo fühlst du dich zu Hause? Obwohl ich nur rund elf Jahre in Brasilien verbracht habe, habe ich immer noch das Gefühl, dass Brasilien mein Zuhause ist. An meine Kleinkindjahre in Deutschland kann ich mich kaum erinnern, daher bedeutet Kindheit für mich Kindheit in Brasilien – mit den entsprechenden Gerichten.

Torta salgada

Zum Beispiel der torta salgada, der salzigen Torte. Eigentlich ist das kein Kuchen, sondern Toastbrot, das mit einer Creme abwechselnd geschichtet wird. Die Creme besteht aus Mayonnaise, Frischkäse und Sahne mit Thunfisch, Krabben oder Hähnchen – eine Mega-Kalorienbombe! Das isst man zu allen Geburtstagen. In Brasilien kann man dafür das Toastbrot auch längs geschnitten kaufen, sodass man eine lange oder (mit mehreren nebeneinander) richtig große Torte machen kann. Kindermatsche – aber so lecker!

Torta salgada angeschnitten

Aber sonst ist Heimwehküche für mich eher etwas, das sich an Personen festmacht. Wenn ich zum Beispiel an meine deutsche Oma denke, dann stelle ich mich in die Küche und mache Kartoffelpüree mit Sauerkraut und Würstchen.

Gibt es denn Lebensmittel, die du in Deutschland vermisst?

Als ich nach Deutschland kam, wusste ich noch nicht mal, wo ich schwarze Bohnen herkriege. Nachdem meine Eltern hergezogen waren, fing eine Tante an, uns Pakete mit schwarzen Bohnen, Maniokmehl und so etwas zu schicken. Inzwischen findet man diese Sachen hier in Afroshops, teilweise auch in den großen Supermärkten in der Exotenecke.

Was ich aber immer noch sehr vermisse, sind die vielen Früchte, die es einfach nicht gibt. Eine davon kommt hier ganz allmählich in Mode: açaí, eine Beere aus dem Regenwald. Das ist hier so ein Fitnessding geworden, über das Zeitschriften viel schreiben. Aber solche Früchte wie cupuaçu, die kriegt man hier einfach nicht – oder nur als gefrorenes Fruchtmark zum Bestellen. Wirklich traurig bin ich darüber, dass die Papayas hier so anders schmecken – irgendwie nach Wasser.

Und was würdest du heute in Brasilien vermissen?

Hefeteig! Ich liebe diese ganzen Sachen wie Berliner. Und Schokolade. In Brasilien ist die eher so wie unsere Kuvertüre, also deutlich härter, denn es ist ja viel heißer. Immer, wenn ich Schokosüßigkeiten von hier mit rübernehme, sind die innerhalb von fünf Minuten matschig.

Auch das schöne deutsche Brot kann man in Brasilien tatsächlich vermissen. Da gibt es nur Weißbrot. Mein Vater hat sich immer Pumpernickel aus der Dose aus Deutschland schicken lassen, außerdem Leberwurst. Für uns Kinder waren Haribo und Nutella in den Päckchen, denn beides konnte man damals noch nicht überall in Brasilien kaufen.

Und dann gibt es ein paar Gerichte, die ich mir wahrscheinlich in Brasilien immer noch machen würde: Entenbraten zum Beispiel. Und genau wie meine Mutter würde ich Stollen backen. Solche Rezepte sind ja ein Teil von mir geworden. Was ich übrigens auch wirklich liebe, ist Glühwein – aber den kann man bei 40 Grad wirklich nicht trinken!

Egal, wo ich bin, ich vermisse etwas.

Danke für das Interview, Sandra!

Einige Gedanken zu “Interview: Brasilianisch-deutsche Heimwehküche

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