Füttern, futtern, hungern: Lionel Shriver, Großer Bruder

Jeden Tag ein Buch. Logodesign Ariane Bille

Auch für meinen zweiten Beitrag für die „Jeden Tag ein Buch“-Woche greife ich ins Belletristikregal und ziehe heraus: Lionel Shrivers Roman Big Brother* (deutsch: Großer Bruder*).

Buchcover Lionel Shriver: Großer Bruder, Big Brother

Geschichte einer Diät

„Weißer Reis“. So charakterisiert sich die Ich-Erzählerin Pandora in selbst: eine mittelmäßig aussehende Frau in den mittleren Jahren, die in einer mittelmäßig glücklichen Ehe mit zwei mittelmäßig wohlgeratenen Stiefkindern im Mittleren Westen der USA lebt. Als mittleres Kind eines mittelmäßig erfolgreichen und überdurchschnittlich narzisstischen Seriendarstellers in L. A. aufgewachsen, besteht ihr ganzer Ehrgeiz darin, unauffällig zu sein. Wie weißer Reis eben, der den sättigenden Hintergrund abgibt, vor dem andere Gerichte strahlen können: ihr großer Bruder zum Beispiel, der international erfolgreiche Jazzpianist.

Dieses sorgsam konstruierte Gleichmaß wird empfindlich gestört, als Pandora ihren Bruder zu einem längeren Besuch vom Flughafen abholt – und nicht wiedererkennt. Edison, der Verbündete aus Kindheitstagen, der Schwarm ihrer Schulfreundinnen, ist so dick geworden, dass er nur noch mit Mühe laufen kann. Plötzlich findet sich Pandora zwischen zwei Männern wieder: auf der einen Seite Edison mit seinem 175 Kilo schweren Körper, seinen Fressattacken und seinem aufgeblasenen Selbstbewusstsein, auf der anderen ihr schweigsamer Ehemann Fletcher, der sich mit demonstrativer Selbstdisziplin von Naturreis mit halb rohem Brokkoli ernährt und täglich Sport treibt. Neben einer gewissen Neigung zu Extremen ist beiden Männern vor allem eines gemeinsam: Jeder von ihnen meint, das größere Anrecht auf Pandoras Zuwendung zu haben.

Als sich die Spannungen kurz vor Edisons geplantem Abflug im offenen Streit entladen, bricht auch Edisons Fassade zusammen. Der bewunderte große Bruder bekennt, dass er privat wie beruflich vor dem Abgrund steht. Nach dem ersten Schock beschließt Pandora, Edison zu retten: Sie wird ihm als persönlicher Coach dabei helfen, hundert Kilo abzunehmen, und dafür aus der ehelichen Wohnung aus- und in eine Geschwister-WG einziehen. Weil sie findet, auch sie könne ein bisschen dünner werden, dreht sich ihr Leben ab jetzt um Diätshakes, Essensfantasien und die Waage.

Einfach nur Essen? Gibt es nicht

Ein Roman gewordenes Fat-Shaming-Manifest also? Dicksein heißt Versagen, Versagen führt zu Dicksein, Dünnsein bedeutet Selbstdisziplin und Erfolg – und daher muss dünn werden, wer dick ist? Zum Glück nicht. Lionel Shriver ist keine Autorin, die es sich leicht macht, und auch ihre Erzählerin tut das nicht. Pandora reflektiert Körperbilder und moralische Bewertungen von Essen und Nicht-Essen mit großer Klarheit – und behält dabei doch immer, für die Leser_innen sichtbar, blinde Flecken. Am Ende nimmt der Roman eine Wendung, die so überraschend wie schlüssig wirkt und zeigt, worum es die ganze Zeit wirklich ging: nämlich nicht um den Bruder, nicht um sein Dick- oder Dünnsein, sondern um Pandora selbst.

Lionel Shriver benutzt das Thema Essen, um die Beziehungen zwischen den Figuren, aber auch deren inneren Hunger, also ihre gestillten und ungestillten Sehnsüchte, sichtbar zu machen. So treten Pandoras Eheprobleme offen zutage, als Fletcher sich weigert, ihren Kuchen gewordenen Liebesbeweis anzunehmen. Auch Verschiebungen im Machtgefüge der Figuren zeigen sich am Essen: Am Romananfang, als Edisons Aufenthalt in Iowa noch den Anschein eines normalen Besuchs hat und niemand das enorme Übergewicht des Gastes anzusprechen wagt, kann der „große Bruder“ gigantische Portionen üppiger Lasagne auf den Tisch stellen, und bis auf Fletcher fühlen sich alle gezwungen, zuzugreifen. Kurze Zeit später ist Pandora diejenige, die bestimmt, was auf den Tisch kommt: 580 Kalorien täglich in Form von Diätpülverchen. Ein radikaleres Bild für die Umkehrung der Verhältnisse lässt sich kaum finden.

Essen als Trost, als Kompensation, als Zeit füllende, strukturierende Beschäftigung, als soziales Bindemittel: In all diesen Funktionen taucht es im Roman auf. Aber es erweist sich als janusköpfig, denn gleichzeitig ist es eng mit Kategorien von Schuld und Sünde verbunden. Nur eines ist Essen niemals: einfach nur Nahrungsaufnahme. Wenn es aber im Grunde immer für etwas anderes steht, dann kann der Zustand der Sättigung niemals erreicht werden, wie Pandora erkennt:

I propose: food is by nature elusive. More concept than substance, food is the idea of satisfaction, far more powerful than satisfaction itself, which is why diet can exert the sway of religion or political zealotry. Not irresistible tastiness but the very failure of food to reward is what drives us to eat more of it.

 

Meine Theorie: Es [dass so wenige Mahlzeiten im Gedächtnis haften bleiben] liegt an der flüchtigen Natur der Nahrung. Sie ist mehr Konzept als Substanz, sie ist die Idee der Befriedigung und damit wesentlich eindrücklicher als die Befriedigung selbst. [Übersetzung: Susanne Hornfeck]

Das große Aber

Und an dieser Stelle kommt das große Aber meiner Rezension. Dass die Übersetzung des obigen Zitats nämlich unvollständig ist, liegt nicht an meiner Tippfaulheit, sondern daran, dass der Rest in der deutschen Übersetzung einfach fehlt.

Wie ich darauf überhaupt gestoßen bin? Ich hatte den Roman zunächst auf Englisch (als E-Book) angefangen. Erst nachträglich fiel mir ein, dass dieses Buch hervorragend zu meinem Blog passen würde, und ich bat den deutschen Verlag (Piper) um ein Rezensionsexemplar, um aus der deutschen Übersetzung zitieren zu können. Ich bekam es und las von da an quasi zweigleisig. Aber dann passierte es immer wieder: Ich suchte die Parallelstelle für ein besonders interessantes Zitat, einen besonders aufschlussreichen Gedanken und fand in der deutschen Ausgabe – nichts.

Die deutsche Übersetzung von „Big Brother“ ist, ohne dass das aus dem Impressum des Buchs ersichtlich wäre, gekürzt. Und wir reden hier nicht nur von einzelnen Sätzen hier und da, sondern teilweise von ganzen Absätzen, vermutlich sogar Seiten (so genau kann ich das in der E-Book-Ausgabe nicht nachvollziehen). Ich fand das ungewöhnlich und habe den Piper-Verlag um eine Stellungnahme gebeten. Geantwortet hat mir Thomas Tebbe, Programmleiter Belletristik:

Natürlich ist Lektoratsarbeit immer subjektiv, natürlich ist es die übliche Vorgehensweise, übersetzte Bücher aus anderen Ländern und Kontinenten herauszubringen, wie sie in der Originalsprache publiziert worden sind. Im Fall des Großen Bruder haben wir uns entschieden, die kulturspezifischen Besonderheiten der amerikanischen Gesellschaft und die Detailliertheit der Symptome und Therapie für ein deutsches Publikum zu bearbeiten, ohne jedoch der erzählerischen Qualität und der literarischen Intention etwas zu nehmen. Ich würde es natürlich bedauern, wenn Sie einen gegenteiligen Eindruck hätten!

Den habe ich. Und das bedaure ich meinerseits auch. Denn ich bin eben schon der Meinung, dass die Kürzungen in der deutschen Ausgabe der literarischen Intention deutlich zuwiderlaufen. Falls nämlich an den „kulturspezifischen Besonderheiten der amerikanischen Gesellschaft“ und der „Detailliertheit der Symptome und Therapie“ gekürzt wurde, so ist es mir zumindest dort nicht aufgefallen.

Umso deutlicher habe ich gemerkt, dass viele der ausgesprochen klugen reflektierenden Passagen weggefallen sind. Gerade die aber machen für mich diesen Roman aus; in der englischen Ausgabe haben sie mich mit reichlich „food for thought“ versorgt. Denn die Handlung – nun ja, die hält wenig wirkliche Überraschungen bereit. Und das ist keineswegs eine Schwäche des Buches, denn darum geht es der Autorin offensichtlich nicht. Es geht ums Essen, um Gefühle und darum, wie eng beides mit unserem Leben verbunden ist. Diese enge Verknüpfung lässt sich noch an Shrivers Stilmitteln ablesen. Aber auch Dinge wie die „weißer Reis“-Metapher, die Pandora zur Selbstcharakterisierung verwendet, tauchen in der deutschen Übersetzung nicht mehr auf.

So here is the thought: We are meant to be hungry.

Lieber Piper-Verlag: So wörtlich hätten Sie Pandoras Fazit nicht nehmen müssen. Sie lassen Ihre deutschen Leserinnen und Leser hungrig zurück, denn Sie haben dem Buch durch die Entscheidung zur Kürzung erzählerische Substanz genommen. Warum? Wer zu Lionel Shriver greift, erwartet doch keinen Krimi, keine spannende, plotgetriebene Geschichte. Vielleicht hätten Sie den deutschen Leserinnen und Lesern ruhig mehr zutrauen können. Übrigens auch eine gewisse Vertrautheit mit den „kulturspezifischen Besonderheiten der amerikanischen Gesellschaft“, die Sie nach eigenem Bekunden für ungeeignet hielten. Dass das durchschnittliche Körpergewicht im Mittleren Westen der USA in den letzten Jahrzehnten in die Höhe gegangen ist, dürfte hier niemanden überraschen. Vielleicht entscheiden Sie sich ja doch noch dafür, den Roman nachträglich in einer ungekürzten Fassung neu herauszugeben. Das würde mich freuen.

Allen, die bis hierher mitgelesen haben, kann ich nur sagen: Falls ihr einigermaßen Englisch lesen könnt, besorgt euch die Originalausgabe. Für die gibt es von mir eine uneingeschränkte Empfehlung: Der Roman hat mich sehr beeindruckt; ich fand ihn nicht nur klug, sondern auch sehr unterhaltsam. Ich gehe jetzt hin und lese mich durch die anderen Bücher von Lionel Shriver. Aber lieber auf Englisch.

Hinweis: Die deutsche Fassung des Romans wurde mir vom Piper Verlag als kostenloses Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt. Einen Einfluss auf mein Urteil hatte das nicht; dieser Artikel gibt ausschließlich meine persönliche Meinung wieder.

Lionel Shriver
Big Brother
Harper Collins 2013
diverse Ausgaben
Preis: ab ca. 15 €

Lionel Shriver
Großer Bruder
Übersetzung: Susanne Hornfeck
Piper Verlag 2014
336 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag
Preis: 19,99 €

4 Gedanken zu “Füttern, futtern, hungern: Lionel Shriver, Großer Bruder

  1. Barbara

    Spannender Roman, scheint mir. Und sehr umfassende, fundierte Rezi – Chapeau! Was ich auch bewundere: Dass du dich so einbringst wegen der Facetten, die dir nicht gefallen. Ich würde das in der Zeitung oder im Blog anprangern – dass du tatsächlich den Verlag kontaktierst, find‘ ich echt initiativ! (Auch wenn es dich in diesem Fall nicht so wirklich nach vorn gebracht hat…)

    1. Sabine Schlimm Artikel Autor

      Vielen Dank, Barbara! Dass ich beim Verlag nachgefragt habe, hat auch etwas damit zu tun, dass ich wirklich wissen wollte, was dahintersteckt. Nun ja, und ich wollte nicht einfach verreißen. Schließlich lebe ich auch von Büchern und ärgere mich, wenn ich Kritik daran als unberechtigt empfinde.

  2. Friederike

    oje, mit Diätpülverchen und Diätshakes abzunehmen, ist auch nicht die nachhaltige Variante…
    Du hast sehr interessant geschrieben und ich finde es unglaublich, dass sich Verlage so selbstherrlich (?) über das Original hinwegsetzen (können), wie oft das wohl insgesamt geschieht…
    lg

  3. Sabine Schlimm Artikel Autor

    Du hast recht, Friederike – aber man klappt das Buch auch mit der Ahnung zu, dass das mit den Diätshakes nicht der Weisheit letzter Schluss ist.
    Tja, und wie oft das mit solchen stillklammheimlichen Kürzungen oder Bearbeitungen wohl passiert, das habe ich mich auch gefragt …

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