Essen gucken! Foodporn auf Koreanisch

Der Job: essen. Anforderungen: stabiler Magen, eine Videokamera und Neigung zur Selbstdarstellung. In Südkorea ist es in den letzten Jahren zum Trend geworden, Menschen live im Internet beim Essen zuschauen. Das Ganze ist unter dem Begriff Mukbang bekannt, und einige der digitalen Esshibitionisten sind dadurch zu Stars geworden, die von ihrer Tätigkeit als Vorkauer leben können.

Die Videos (zumindest die, in die ich reingeschaut habe) zeigen Frauen und Männer zwischen Teenie und Mitte zwanzig. Im Hintergrund die Jugendzimmer-Einrichtung, im Vordergrund Berge von Essen – häufig in Takeaway-Verpackungen (einige der Stars kochen aber offenbar als Bestandteil ihrer Show selbst). Und dann wird zugelangt. Während sich die Ess-Künstler_innen Bissen für Bissen einverleiben, unterhalten sie sich mit ihrem Publikum, das das Geschehen per Chat kommentiert. Schmatzen und schlürfen gehören übrigens unbedingt zur Inszenierung dazu. Wer mal reinschauen möchte:

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Warum tun die das?

Klar, die Mukbang-Anhänger_innen vor der Kamera erhoffen sich durch allabendliche Völlereien vor Hunderten und Tausenden von Zuschauern Ruhm und Geld, das sie in Form von Direktspenden von ihren Fans einsammeln (im Chat sichtbar durch herzige Luftballons, die verteilt werden). Und die meist jungen Zuschauer_innen?

Die westlichen Berichte, die dem Phänomen bisher nachgegangen sind (insbesondere eine Videoreportage von Munchies und eine Reportage von NPR) wirken eher ratlos – warum Mukbang so populär sind, können sie im Grunde nicht erklären. Zwei Gründe werden allerdings immer wieder genannt:

1. Essen gucken als Ersatz fürs Essen

Mädchen auf Dauerdiät, so heißt es, schauen sich die Fressgelage im Internet an, um wenigstens aus zweiter Hand den ganzen wunderbaren Schweinkram essen zu können, den sie sich verbieten. Ersatzbefriedigung halt. Diese Fans genießen die Hemmungslosigkeit, mit der andere essen, und fühlen sich möglicherweise sogar umso tugendhafter, weil sie sich disziplinieren.

2. Essen gucken als Ersatz fürs Essen in Gemeinschaft

Aber Fans sind nicht nur Mädchen, und mit Sicherheit sind nicht alle Fans auf Diät. Und tatsächlich scheint es manchen Zuschauer_innen weniger um den Aspekt des Essens an sich zu gehen. In der Munchies-Reportage wird ein Fan eines Mukbang-Stars („BJ Hanna“) interviewt:

Mukbang-Reportage Screenshot

Screenshot aus der Munchies-Reportage „The Food Porn Superstars of South Korea“. Ein Fan sagt: „Wenn ich ein bisschen einsam bin, dann fühlt es sich an, als äße ich mit jemand zusammen.“

Gemeinsame Mahlzeiten in der Familie werden auch in Korea immer seltener; alleine zu essen ist für viele der Normalfall. Das Interview schafft mit Video und Chatfunktion so etwas wie einen Esstisch, an dem Platz nehmen darf, wer mag. Und auch wenn nur eine Person in der Runde isst (zumindest für die anderen sichtbar): Essen schafft Gemeinschaft. Auch zwischen dem linkischen Jungen und dem hübschen Mädchen, bei dem er sonst keine Chance hätte.

Screenshot Mukbang-Reportage

Screenshot aus der Munchies-Reportage „The Food Porn Superstars of South Korea“.  Er sagt: „Wenn ich mir anschaue, wie süß BJ Hanna beim Essen aussieht, dann will ich mit ihr zusammen essen.“

Und mehr nicht?

Mukbang als Ersatzbefriedigung also. Und ansonsten: seltsame koreanische Kulturverirrung. Das scheint das Fazit der Reportagen zu sein. Zugegeben, anfangs habe ich genauso den Kopf geschüttelt. Ein bisschen tue ich das immer noch. Aber inzwischen frage ich mich: Ist eigentlich unser Foodporn-Kult sooo weit vom Mukbang entfernt?

Klar, bei uns gibt es bisher keine Videoshows, die einfach nur essende Menschen zeigen. (Oder?) Aber ehrlich gesagt: Vieles, was auf Youtube passiert, ist mir genauso fremd. Wenn Leute Videokanäle abonnieren, um regelmäßig zu sehen, was sich andere an neuen Klamotten gekauft haben, ist das im Grunde auch nicht weniger seltsam, oder?

Um aber beim Thema Essen zu bleiben: Dass es in Fernsehkochshows darum geht, das Kochen zu lernen oder sich zumindest etwas abzuschauen, ist bekanntlich Fiktion – längst nicht alle, die sich auf dem Bildschirm angucken, wie Leute durch die Küche wirbeln, kochen selbst. Also geht’s ums Zugucken. Ums Appetitkriegen. Ums Essengucken. Nur dass das Verzehren selbst hier noch nicht in den Vordergrund gerückt ist. Aber vielleicht kommt das noch.

Und die vielen Essensfotos auf Facebook, Twitter, Instagram? Die sagen ja auch im Grunde: „Hey, seht her, was ich Tolles essen werde/esse/gegessen habe!“ Da niemand von den tollen abgebildeten Mahlzeiten etwas abbekommt, geht’s ums Gucken. Foodporn eben. Gucken, nicht machen. Und ehrlich: Der Unterschied zwischen einem Pornobild und einem Pornofilm ist doch einer des Mediums, nicht des Inhalts, nicht des Zwecks.

Übrigens, ich lese gerne Kochbücher und Foodblogs. Und stelle mir dabei vor, wie die Gerichte schmecken könnten. Ich konsumiere die Illusion von Essen. Ich glaube, das ist so was wie Steinzeit-Mukbang. Oder?

 

7 Gedanken zu “Essen gucken! Foodporn auf Koreanisch

  1. Pingback: Schmausepost vom 12. Juni | Schmausepost

  2. Ute Vogel

    Faszinierend, nich? ;) Hatte ich auch schon mal im Kunststrudel. Bei Die Welt hieß es, dass The Diva monatlich rund 4000$ für Lebensmittel ausgibt, aber 9000$ mit ihrem Videokanal verdient (Ich dachte kurz über einen Berufswechsel nach).

  3. Jan (Winterhude)

    Naja, in Europa gucken Leute anderen beim auspacken von neuen Staubsaugern, Handys usw zu. Neuwarenduft online. In kora eben schmatzen online. Komische Welt, das Netzt selbst ist schon irgendwie eine Art second life geworden, oder? Ich blogge über meinen Wohnort Winterhude, muß eigentlich ja auch nicht sein.

  4. LeeZet

    Ich bin – um wirklich ehrlich zu sein – ein Mukbang-Fan. :-) Ich liebe es anderen dabei zuzusehen, zu hören, ob es ihnen schmeckt, was ihnen daran schmeckt und wenn nicht, was eben nicht daran schmeckt. Dabei noch ein ungezwungenes Gespräch über ihren Alltag, ihre Gedanken oder aktuelle Themen, das finde ich wirklich klasse. Und es ist wirklich so, man sitzt mit Menschen ‚am Tisch‘, die einen im Reallife wahrscheinlich nicht einmal mit dem Hinterteil ansehen würden. Hier aber sind sie dankbar und freuen sich über das Feedback, den Kontakt an sich und auch darüber, dass man eben einfach bei ihnen ’sitzt‘ und genießt, dass sie genießen. :-)

    1. Sabine Schlimm Artikel Autor

      Hey, danke für Deinen Kommentar! Finde ich sehr spannend. Dass wirklich ein Gefühl von „wir sitzen gemeinsam am Tisch“ aufkommt, hätte ich mir so nicht vorgestellt.

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